Pressestimmen

Kirche ohne Priester?

Ein Film von Stefan Pannen und Jonas Daniels, 43 min. WDR/ARD 2018

tagesschau.de – ein bisschen weniger Zöllibat?
[…] In der Kirche in Deutschland kann sich die Mehrheit der Bischöfe längst vorstellen, auch verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Doch es gibt Widerstand aus konservativen Kreisen, zum Beispiel von Gerhard Ludwig Kardinal Müller. Der Kardinal sagt, nun zu meinen, durch die „Viri Probati“ könne man den Priestermangel im Amazonasgebiet oder in Europa lösen, das sei eine sehr vordergründige Einstellung, eher ein Kurieren an Symptomen.. Artikel lesen

domradio.de – Priestermangel als Problem und Chance
[…] Das Fazit der Regisseure: Kirche muss sich einer veränderten Situation stellen, Beziehungen zu den Menschen herstellen und drängende Fragen angehen, wenn sie der titelgebenden Prognose „Kirche ohne Priester“ etwas entgegensetzen will… Artikel lesen

br.de – Verzichtet die Kirche auf den Zölibat?
[…] Doch was passiert, wenn sich die katholische Kirche nicht dafür öffnet? Wie kann eine Kirche ohne Priester dann aussehen? Diese Fragen dürfte sich auch Papst Franziskus stellen. Wie seine Antwort ausfällt, könnte sich bei der Synode im Oktober 2019 zeigen. Artikel lesen

Marx und seine Erben

Ein Film von Peter Dörfler, 52 min, ARD 2018

heise.de – guter Marx, schlechter Marx
[…] „Der Film verbindet geschickt und auf das Wesentliche reduziert verschiedene Stränge: die Lebensstationen und der Bildungsgang von Marx werden ergänzt um Kommentare von linken Politikern wie Sarah Wagenknecht und Yanis Varoufakis sowie von Historikern und Publizisten. Artikel lesen

berliner-zeitung.de – „Resultat schlechter Propaganda“
[…] Autor Peter Dörfler fragt bei linken Politikern und Aktivisten wie Sarah Wagenknecht, Werner Rätz von Attac, Pierre Laurant, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Frankreichs und Yanis Varoufakis nach, was Marx heute für die konkrete Politik bedeutet. Parallel zeigt die Reportage, wie hoch im Kurs Karl Marx im offiziellen China steht, und blickt darauf zurück, wie unterschiedlich und radikal seine Thesen in der Vergangenheit interpretiert wurde, bis hin zu den Terrorregimes von Stalin und Mao. Artikel lesen

geschichte-wissen.dewelche Bedeutung hat er noch in unserer Welt?
[…] Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich die Rezeption von Marx ist: In Deutschland folgte auf das Unrechtssystem der DDR und den Kalten Krieg Ernüchterung und Ablehnung des Sozialismus. China hat dagegen einen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gefunden, der einen beinahe unheimlichen Erfolg feiert – Politikwissenschaftler reden von einem sich nähernden chinesischen Jahrhundert. Mit diesen Mitteln gelingt es der Dokumentation die Bedeutung von Karl Marx darzustellen. Artikel lesen.

fr.de (Frankfurter Rundschau) das Arte -Doppel zu Marx
[..] „Karl Marx und seine Erben“ erzählt die Marx-Biographie noch einmal, kostümfrei; und fügt hinzu die Sowjetunion, China, Kuba, die DDR usw. usw. Es gibt darin allerdings etwas wirklich Interessantes: das Gespräch zwischen dem Trierer Kulturreferenten und dem chinesischen Bildhauer Wu Weishan, der die fünf Meter große Marx-Statue für Trier gemacht hat. Marx sei für ihn „der große Wanderer“. Artikel lesen

Das geheime Leben der Hunde

Ein Film von Claus Wischmann, 52 min, SWR 2017

suedkurier.de
Mit der Dokumentation „Das geheime Leben der Hunde“ greift der SWR das Thema Trennungsangst bei Hunden auf, das ein weit verbreitetes Problem auch für die Halter darstellt. Artikel lesen

badische-zeitung.de
Ein Drittel aller Hunde, so mutmaßen Wissenschaftler, gerät in schlimmen Stress, wenn sie ohne Herrchen oder Frauchen sein müssen. Der Mensch hat lange daraufhin gearbeitet, dass der Hund sein bester Freund wird. Nun ist er ein Wesen, das von uns abhängig ist – fast wie ein kleines Kind. Das aber scheint vielen Hundebesitzern nicht klar zu sein. Die Doku zeigt das Problem sehr eindrucksvoll – die Lösungen allerdings kommen zu kurz. Schade, denn deutliche Hinweise auf die Fehler der Besitzer wären wichtig gewesen. Artikel lesen

2017 schreit nach Hannah Arendt – hier ist der passende Film auf arte

„Wir müssen uns wieder mit Hannah Arendt beschäftigen“ – wie oft habe ich diesen Satz seit dem 09. November 2016 schon gesagt? Oft genug. Das Problem ist: Hannah Arendt zu lesen ist eine Mammutaufgabe. Zwar empfehle ich immer die Biografie von Alois Prinz als Einstieg, aber geht es an ihr Werk, scheue ich oft, anderen die Lektüre zu empfehlen. Denn sie ist mühsam. Arendts Gedanken sind irre komplex und sich da hindurch zu kämpfen ist bestimmt nicht jederfraus Sache. Sie hat jeden Satz mit Bedeutung aufgeladen und sie schafft es oft nicht, herunterzubrechen.

Umso erfreulicher, wenn im Öffentlich-Rechtlichen Dokus gezeigt werden, die genau das Thema aufgreifen, das mir am Herzen liegt: das Heute mit ihrem Leben und ihrem Denken zusammenzubringen! Auf arte läuft noch bis 2. Mai 2017 die Doku „Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam“ – und für eure französischen Freunde auch in ihrer Sprache: „Hannah Arendt – Du devoir de la désobéissance civile“! Was gut ist, denn auch Frankreich wählt dieses Jahr und Marine Le Pen könnte als Siegerin daraus hervorgehen.

„Hannah Arendt ging es vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Massenbewegung und dem totalitären Bewusstsein stets darum, den Menschen vor seiner Degradierung zum Konsumenten, „Automaten“ und reinen Bürokraten zu bewahren. Denn diese sind willenlose Wesen, die „leer“ sind und mit denen Ideologen alles machen können. Hannah Arendts politisches Denken blieb stets der Aktualität verbunden. Und so schlägt der Film immer wieder Brücken zu gegenwärtigen Entwicklungen und Brennpunkten.“

Was braucht eine gute Revolution, um Demokratie zu ermöglichen? Wie beginnt Totalitarismus? Was kennzeichnet Menschen in düsteren Zeiten? Wie geht das tätige, das politische Leben? Was ist Ungehorsam und warum ist es wichtig zu urteilen? Wir müssen uns mehr mit Hannah Arendt beschäftigen – hier wäre ein Anfang!

piqd, Katrin Rönicke, 20.02.2017

Der Mann ohne Eigenschaften

Vorneweg: Wer in diesem Portrait sensationelle Enthüllungen über den Ex-Außenminister und Bald-Bundespräsidenten erwartet, der wird enttäuscht: Steinmeier ist einfach kein Mann der Überraschung. Tatsächlich könnte man argumentieren, dass seine ganze politische Laufbahn darauf beruht.

Entsprechend werfen alle politischen Weggefährten, Journalisten und sogar Psychologen die altbekannten Steinmeier-Klischees in die Runde: Die „Unaufdringlichkeit bis hin zum Verblassen“ wird da hervorgehoben, sein „Beamtentum“, und dass er sich „nicht in den Vordergrund drängt, sondern an Ergebnissen arbeitet“. Bei diesem Ringen um die freundlichsten Umschreibungen für „unauffällig“ schießt Innenminister Thomas de Maizière schließlich den Vogel ab und attestiert Steinmeier „Abgeklärtheit, Ruhe, Professionalität, Sachkenntnis und … Abgeklärtheit“. Irgendwann fallen selbst den Profi-Rednern keine Synonyme mehr ein.

Nachdem die erfahrenen TV-Reporter Thomas Bittner, Jessica Krauß und Stefan Pannen dem öffentlichen Bild von „Deutschlands beliebtestem Politiker“ (die Reportage wurde offenbar vor dem Schulz-Hype zusammengestellt) so gar nichts Neues hinzuzufügen haben, konzentrieren sie sich 45 Minuten lang lieber auf eine interessantere Frage: Sind das Eigenschaften, die ein Politiker heute haben kann? Oder vielleicht: sollte? Oder sogar: muss?

Die Antwort lautet: ja und nein. Und an jeder Stufe von Steinmeiers Karriere kommt eine neue Antwort dazu. „Ich gehöre ja zu denjenigen, die sich tatsächlich für Inhalte interessieren“, sagt er vorsichtig, und fügt beinahe entschuldigend an: „Ich hab daran nichts Nachteiliges gesehen.“ (Wie weit ist es nur gekommen, dass dies eine erstaunliche Aussage für einen Politiker ist?) Tatsächlich war er als Büroleiter und später Kanzleramtsminister hinter Schröder perfekt besetzt: Der kluge, bedächtige Sacharbeiter hinter der schillernden, aber instabilen Rampensau. Als zweite Geige hinter der selbst pragmatischen Angela Merkel dagegen musste er wie eine unnötige Sicherheitskopie wirken.

Das ist vielleicht die Ironie seiner politischen Karriere: Er war für die große Koalition wie geboren. In turbulenten Zeiten war er der richtige Mann zur richtigen Zeit mit der richtigen Sachlichkeit – doch eine Frau mit den gleichen Eigenschaften hatte die Schaltzentrale bereits besetzt. Unter dem Vizekanzler Steinmeier hätte Angela Merkel tot umfallen können, die Pragmatik der politischen Mitte wäre unverändert weiter an der Macht geblieben. Kein Wunder, dass die SPD unter ihm stetig an Profil verlor. „Es gibt Leute, die wären gute Kanzler, kommen aber nie dahin, weil sie keine gute Kanzlerkandidaten sind“, fasst der Journalist Jens König trocken das Dilemma zusammen.

Behutsamkeit wirkt plötzlich wieder reizvoll

Andererseits wirkt Steinmeiers Behutsamkeit in diesen Tagen plötzlich wieder reizvoll. Denn genau der mangelnde Wille zur Polarisierung, der ihn als Kanzlerkandidat so farblos machte, verschafft ihm nun das höchste Amt im Staat: Zur notwendigen Überparteilichkeit eines Bundespräsidenten ist es bei ihm nicht mehr weit, das hat letztlich auch der Koalitionspartner eingesehen. Steinmeiers außen- und innenpolitische Bilanz fällt zwar insgesamt ambivalent aus. Aber in Zeiten, da fachfremde Dampfplauderer und Populisten ohne Selbstdisziplin auf dem Vormarsch scheinen, wirkt ein bedachter, kluger „Superbeamte“ wie Balsam für die Volksseele.

Nicht zu Unrecht bezeichnet ihn ein Kommentator als den Anti-Trump: Sein kontroversestes Hobby ist das Kochen und die sensationellste Neuigkeit aus seinem Privatleben war eine selbstlose Nierenspende an seine schwer kranke Ehefrau.

Ganz ehrlich: Sehnen wir uns angesichts der globalen Schaumschläger und Geiferer nicht nach solchen Leuten? Umso absurder erscheinen die abschließenden Stimmen der Reportage, die Steinmeier ein neues Temperament für die neue Rolle ans Herz legen. „Ein Mann des Ausgleichs, der Ruhe, das darf er nicht mehr sein“, wird da gefordert.

Vor allem der politische Rand in Gestalt von Frauke Petry und Sahra Wagenknecht will, dass sich Steinmeier ebenfalls mehr an den politischen Rand begibt und mehr als Mahner und Donnerer auftritt als seine Vorgänger. Eine solche Veränderung scheint glücklicherweise unwahrscheinlich. „Was können die Deutschen erwarten?“, fragt die Reportage abschließend. Die Antwort ist eindeutig: Abgeklärtheit, Ruhe, Professionalität, Sachkenntnis und … Abgeklärtheit.

FRANKFURTER RUNDSCHAU, 07.02.2017

Zwei sounding images Produktionen auf dem Golden Prague Festival 2016 ausgezeichnet

Zwei sounding images Filme haben einen Preis beim Golden Prague-Festival gewonnen. „Gozo – Eine Insel, zwei Opern“ erhielt den Preis für „Best Documentary“, die „Überlebenskünstler“ den „Vice Foundation Award“ der Dagmar und Václav Havel Foundation. Die „Überlebenskünstler“ waren außerdem auf der Shortlist des Prix d’Italia.

Die Begründung der Jury für Gozo:
A masterpiece of structure and story telling, this film shows music as the engine of social life in a small community. For treating its subject with respect, affection and humour – showing the discipline, the hard work and the unbridled joy of  friendly competition that holds an entire community together.

Die Begründung zum  „Vice Foundation Award“:
The Dagmar and Václav Havel Foundation VIZE 97 has awarded its international Prize to significant thinkers whose work exceeds the traditional framework of scientific knowledge, contributes to the understanding of science as an integral part of general culture and is concerned with unconventional ways of asking fundamental questions about cognition, being and human existence.

Kein Zickenfox – Hier dürfen nur Frauen mitspielen

66 Frauen, 21 Instrumente, unterschiedlichste Biografien und Lebensentwürfe – das ist das semi-professionelle Frauenblasorchester Berlin. Einmal in der Woche treffen sich die Musikerinnen zur Probe. Sie spielen Jazz, Pop und Klassik – in Bierzelten, Turnhallen und Konzertsälen. Astrid Graf, Musikerin mit Klarinettendiplom, hat das Ensemble ins Leben gerufen und leitet es seitdem. Der Dokumentarfilm „Kein Zickenfox“ über die Frauentruppe kommt am 17. März in die Kinos.

Ein bunter Haufen, dieses Frauenblasorchester Berlin. Da sitzt die Polizeibeamtin neben der Rechtsanwältin, die Lesbe neben der alleinerziehenden Mutter, die Ossie neben der Wessie. Und alle wollen sie Musik machen: „Ich kann mich da ausleben. Mit dem was ich fühle, wie ich denke, wie ich bin. Ich bin manchmal mehr Mensch in der Musik, als ich das sonst bin“, sagt Astrid Graf, die Dirigentin. Und ist selbst ein bisschen erstaunt darüber, was sie da sagt. Doch das ist das Geheimnis ihrer Truppe: gelebtes  Miteinander, aus Spaß an der Freude, ohne große Worte. Frauen, die alle ihr Leben haben – und die diesem Leben mit der Musik noch eins draufsetzen. Egal, aus welchem Grund.

Schlaglichtartig erschließt sich in diesem Film der Kosmos seiner Protagonistinnen. Pointierte, rasch hintereinander geschnittene Statements machen uns mit den Musikerinnen bekannt. Und wechseln sich ab mit liebevollen, gemächlichen Portraits: die Biobäuerin bei der Arbeit auf dem Feld; die Pfarrerin im Ruhestand, die ihr reiches Leben resümiert. Und Margrit, die Posaunistin, die nach schwerer Krankheit – zumindest für kurze Zeit – ins Orchester, in ihre musikalische Heimat zurückkehrt. Ihr ist der Film gewidmet.

Kein Kommentar aus dem Off macht sich während dieser 70 Minuten wichtig; die Geschichte erklärt sich selbst. Für die Stimmung, für Melancholie und Witz sorgen die Frauen – und die Kamera. Sie verharrt, als sich zu Beginn der wöchentlichen Probe alle einstimmen, auf der Schlagzeugerin, die ungerührt eine Stulle verdrückt – sie hat ja noch nichts zu tun und ist in einem Blasorchester zweifellos privilegiert: „Schlagzeug spielen ist eigentlich optimal“, freut sie sich. „Du kannst Luft holen, wann du willst, du kannst dabei essen und du kannst Lippenstift tragen.“

„Kein Zickenfox“ – der Film erzählt auch vom täglichen Kampf um Anerkennung. Und davon, wie schwierig es ist, in ein „demokratisch“ geführtes Orchester so was wie „Zug“ reinzubringen. Und er erzählt mit unglaublicher Leichtigkeit davon, wie schön es ist, wenn ganz unterschiedlichen Menschen mit Musik was Gemeinsames – und was Besonderes – gelingt. „Musik hat mir auch immer geholfen, empfindlich zu bleiben fürs Leben“, sagt eine der Musikerinnen. „Sensibel zu bleiben für all das, was um mich herum passiert.“

BR KLASSIK, 16.03.2016

Kein Zickenfox

Einmal pro Woche treffen in Berlin-Kreuzberg 66 Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 70, ihre 21 Instrumente und die unterschiedlichsten weiblichen Biografien und Lebensentwürfe aufeinander. Ihr Ziel: gemeinsam musizieren.

Der Film, Gewinner von bislang fünf Publikumspreisen, zeigt, wie dieses außergewöhnliche Ensemble auch die Privatleben der Beteiligten bereichert und wie es 66 ganz „normale“ Frauen schaffen, etwas Großartiges gemeinsam auf die Bühne zu stellen.

Eine Produktion in Zusammenarbeit mit dem Frauenblasorchester Berlin, das seit 2003 unter der Leitung von Astrid Graf musiziert. Es gab Auftritte in Bierzelten, Gärten und auch in der Philharmonie Berlin. Von Jazz über Pop zu Klassik, das Orchester ist neugierig und probiert alles mal aus, Hauptsache die Freude an der Musik bleibt nicht auf der Strecke.

D 2014, Regie: Dagmar Jäger & Kerstin Polte
Frauenblasochester Berlin

Hannah Arendt – Eigenständig denken war ihr Lebensmotto

Donald Trump ist der Elefant im politischen Porzellanladen Amerikas, Europa steht in der Flüchtlingskrise vor einer Zerreißprobe, weltweite religiöse und kulturelle Konflikte bestimmen die Schlagzeilen – was hätte Hannah Arendt dazu gesagt?

Frau Brocke, als Hannah Arendts Großnichte verfolgten Sie 1961 an ihrer Seite den Eichmann-Prozess. Heute, mehr als vierzig Jahren nach dem Tod ihrer Großtante, fragt eine Fernsehdokumentation nach der Aktualität ihres Denkens. Wo greifen die Gedanken Hannah Arendts in Ihrem Alltag besonders?

Dass Hannahs Sicht auf die Dinge auch noch so lange nach ihrem Tod wahrgenommen werden würde, konnte keiner ahnen. Oft haben meine Eltern, meine Schwester und ich uns gefragt, was Hannah zu diesem und jenem gesagt hätte. Wir wissen es ja nicht, aber es ist vor allem ihre Art zu fragen, die vielen in Erinnerung blieb. Im Falle der Ukraine, zum Beispiel: Inwieweit ist dort der Totalitarismus überwunden? Hat es dort überhaupt eine Befreiung aus den totalitären Strukturen und Gesinnung gegeben? Auch hinsichtlich dessen, wie Systeme funktionieren, hatte Hannah einen erhellenden Aspekt beigetragen, zum Beispiel durch ihre Einschätzung Adolf Eichmanns als „Hans Wurst“. In weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft hatte man allerdings ihren Prozess-Bericht damals – in unterschiedlicher Weise – kritisiert. Und auch ich hatte anfänglich Probleme, Hannahs Sichtweise hier in Gänze zu verstehen.

Das war Hannah Arendt immer das Wichtigste, das Verstehen. Wann setzte es bei Ihnen ein, im Blick auf den Eichmann-Bericht?

Als ich viel später in Essen die Leitung der Begegnungsstätte „Alte Synagoge“ übernahm, einer städtischen Einrichtung, begann ich zu verstehen, was es bedeutet, in eine Hierarchie eingebunden zu sein und Menschen zu begegnen, die primär darauf bedacht sind, die eigene Beförderung anzustreben, eine Unterordnung zu bevorzugen, anstatt über das eigene Tun nachzudenken. Eichmann hat ja wirklich niemanden getötet. Aber das beflissentliche Organisieren der Züge „in den Tod“ hat bei ihm kein Nachdenken hervorgerufen. Ansatzpunkte, um unsere Neugier zu befriedigen – „Was hätte Hannah hierzu gesagt?“ –, gibt und gab es zahlreiche. Aber sicher ist es immer primär unsere Phantasie, die uns sagt, was sie gedacht haben könnte. Da sich die Situation in der Welt gewaltig verändert hat, wird es zunehmend schwieriger, dieser Phantasie freien Lauf zu gewähren und zu rätseln, was Hannah zu den Ereignissen in Köln oder zum Wahlkampf in den Vereinigten Staaten oder zu Trump im Besonderen gesagt hätte.

Zu Donald Trump vermutlich nichts mehr. Wen würde sie wohl wählen?

Nein, da wäre wahrscheinlich auch ihr nicht mehr viel eingefallen. Dabei ist es in der Tat schwer zu sagen, wen Hannah wählen würde. Da sie immer die Demokraten gewählt hatte, bin ich ziemlich sicher, dass sie auch dieses Mal diese Partei wählen würde, auch wenn sie vermutlich weder von Clinton noch von Sanders besonders überzeugt wäre. Als ich sie einst fragte, wen sie wählen würde, bekam ich eine merkwürdige Antwort: „AbN“. Das sei doch keine Partei, fragte ich zurück, und Hannah lachte fröhlich: Anything but Nixon!

Und Köln? Man kann sich nur schwer vorstellen, dass man keinen Artikel von ihr dazu in den Tageszeitungen gefunden hätte.

Es stimmt, das hätte sie sehr bestürzt und wütend gemacht. Dabei war Hannah gewiss keine Feministin, zumindest nicht nach den heutigen Begriffen, aber sie war eine sehr bewusste Frau. Sie hätte vor allem das Versagen des Staates und seiner Ordnungskräfte kritisiert. Und auch über den weiteren Verlauf des Diskurses wäre sie wohl enttäuscht gewesen, denn für sie war gemeinsames Handeln immer wichtig.

Der Staat hätte in Hannah Arendts Augen in seiner Pflicht des gemeinsamen Handelns gefehlt? Aber welches Gefühl kommuniziert man einer mitunter ziemlich besorgten Bevölkerung?

Auf keinen Fall Mitleid! Das wäre Hannah sehr wichtig gewesen: Mitleid darf ihrer Meinung nach deshalb bei politischen Entscheidungen keine Rolle spielen, weil in der Politik eine rationale Grundlage für Entscheidungen unverzichtbar ist. Natürlich ist das kein Widerspruch zu Empathie, die durchaus zuweilen auch ein Hintergrund für eine rationale Entscheidung sein kann, aber realpolitische Probleme fordern realpolitische Lösungen. Mitleid im Sinne, wie Hannah es auch begriffen hat, ist Mitleiden. Exemplarisch für diese Unterscheidung ist Friedrich Nietzsches Leiden an jenem Gefühl des Mitleidens.

Als er in Turin einem Pferd, das geschlagen wurde, weinend um den Hals fiel…

… weil er am Leid des Pferdes Anteil hatte.

Im Bändchen „Ich will verstehen“ berichtet Hannah Arendt, wie sie ihren jüdischen Religionslehrer aus dem Konzept bringen wollte. Sie stand im Unterricht auf und sagte: „Ich glaube nicht an Gott.“ Der Lehrer antwortete gelassen: „Wer hat das von dir verlangt?“ Wie würde Ihre Großtante Ihrer Ansicht nach wohl über religiöse Konflikte heute denken?

Das hat mit ihrem Jüdisch-Sein zu tun, weil es im Judentum weder die Erwartung, noch einen Zwang „zum Glauben“ gibt. Das hat der Lehrer ihr wunderschön vermittelt. Zugleich gehörte zu diesem jüdischen Hintergrund, dass ihr Gerechtigkeit besonders wichtig war, insbesondere dann, wenn es um Rechtsstaatlichkeit ging. Es geht um eine Übereinkunft von Werten, an denen die Mitglieder des Gemeinwesens gemeinsam festhalten wollen.

Wie sieht in Ihren Augen die heutige Pflicht zum Ungehorsam aus, wenn man an Hannah Arendts berühmtes „Denken ohne Geländer“ denkt? Wo tut Ungehorsam Not?

Ungehorsam gegen wen? Gegen was? Ich weiß auch nicht, ob es so etwas wie eine „Pflicht“ zum Ungehorsam geben kann. Hannah hätte das fehlende Einhalten rechtsstaatlicher Grundsätze sowohl in der Bundesrepublik als auch in der EU beklagt. Was für Hannah grundsätzlich negativ konnotierte war, war Mitläufertum, aber Widerstand befürwortete sie nur dort, wo Recht überschritten oder missachtet wurde. Eigenständig denken und dafür einstehen, das war ihr Lebensmotto. Hannah hat immer gesagt, was sie dachte, und gedacht, was sie sagte.

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Edna Brocke wurde 1943 in Jerusalem geboren und lebt seit 1968 in Deutschland. Die Judaistin gehört zu den Herausgebern der Zeitschrift „Kirche und Israel“ und leitete bis 2011 die Begegnungsstätte „Alte Synagoge – Haus jüdischer Kultur“ in Essen.

Die Dokumentation Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam läuft heute, Mittwoch, um 21.55 Uhr auf Arte.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 09.03.2016