Pressestimmen

Der Mann ohne Eigenschaften

Vorneweg: Wer in diesem Portrait sensationelle Enthüllungen über den Ex-Außenminister und Bald-Bundespräsidenten erwartet, der wird enttäuscht: Steinmeier ist einfach kein Mann der Überraschung. Tatsächlich könnte man argumentieren, dass seine ganze politische Laufbahn darauf beruht.

Entsprechend werfen alle politischen Weggefährten, Journalisten und sogar Psychologen die altbekannten Steinmeier-Klischees in die Runde: Die „Unaufdringlichkeit bis hin zum Verblassen“ wird da hervorgehoben, sein „Beamtentum“, und dass er sich „nicht in den Vordergrund drängt, sondern an Ergebnissen arbeitet“. Bei diesem Ringen um die freundlichsten Umschreibungen für „unauffällig“ schießt Innenminister Thomas de Maizière schließlich den Vogel ab und attestiert Steinmeier „Abgeklärtheit, Ruhe, Professionalität, Sachkenntnis und … Abgeklärtheit“. Irgendwann fallen selbst den Profi-Rednern keine Synonyme mehr ein.

Nachdem die erfahrenen TV-Reporter Thomas Bittner, Jessica Krauß und Stefan Pannen dem öffentlichen Bild von „Deutschlands beliebtestem Politiker“ (die Reportage wurde offenbar vor dem Schulz-Hype zusammengestellt) so gar nichts Neues hinzuzufügen haben, konzentrieren sie sich 45 Minuten lang lieber auf eine interessantere Frage: Sind das Eigenschaften, die ein Politiker heute haben kann? Oder vielleicht: sollte? Oder sogar: muss?

Die Antwort lautet: ja und nein. Und an jeder Stufe von Steinmeiers Karriere kommt eine neue Antwort dazu. „Ich gehöre ja zu denjenigen, die sich tatsächlich für Inhalte interessieren“, sagt er vorsichtig, und fügt beinahe entschuldigend an: „Ich hab daran nichts Nachteiliges gesehen.“ (Wie weit ist es nur gekommen, dass dies eine erstaunliche Aussage für einen Politiker ist?) Tatsächlich war er als Büroleiter und später Kanzleramtsminister hinter Schröder perfekt besetzt: Der kluge, bedächtige Sacharbeiter hinter der schillernden, aber instabilen Rampensau. Als zweite Geige hinter der selbst pragmatischen Angela Merkel dagegen musste er wie eine unnötige Sicherheitskopie wirken.

Das ist vielleicht die Ironie seiner politischen Karriere: Er war für die große Koalition wie geboren. In turbulenten Zeiten war er der richtige Mann zur richtigen Zeit mit der richtigen Sachlichkeit – doch eine Frau mit den gleichen Eigenschaften hatte die Schaltzentrale bereits besetzt. Unter dem Vizekanzler Steinmeier hätte Angela Merkel tot umfallen können, die Pragmatik der politischen Mitte wäre unverändert weiter an der Macht geblieben. Kein Wunder, dass die SPD unter ihm stetig an Profil verlor. „Es gibt Leute, die wären gute Kanzler, kommen aber nie dahin, weil sie keine gute Kanzlerkandidaten sind“, fasst der Journalist Jens König trocken das Dilemma zusammen.

Behutsamkeit wirkt plötzlich wieder reizvoll

Andererseits wirkt Steinmeiers Behutsamkeit in diesen Tagen plötzlich wieder reizvoll. Denn genau der mangelnde Wille zur Polarisierung, der ihn als Kanzlerkandidat so farblos machte, verschafft ihm nun das höchste Amt im Staat: Zur notwendigen Überparteilichkeit eines Bundespräsidenten ist es bei ihm nicht mehr weit, das hat letztlich auch der Koalitionspartner eingesehen. Steinmeiers außen- und innenpolitische Bilanz fällt zwar insgesamt ambivalent aus. Aber in Zeiten, da fachfremde Dampfplauderer und Populisten ohne Selbstdisziplin auf dem Vormarsch scheinen, wirkt ein bedachter, kluger „Superbeamte“ wie Balsam für die Volksseele.

Nicht zu Unrecht bezeichnet ihn ein Kommentator als den Anti-Trump: Sein kontroversestes Hobby ist das Kochen und die sensationellste Neuigkeit aus seinem Privatleben war eine selbstlose Nierenspende an seine schwer kranke Ehefrau.

Ganz ehrlich: Sehnen wir uns angesichts der globalen Schaumschläger und Geiferer nicht nach solchen Leuten? Umso absurder erscheinen die abschließenden Stimmen der Reportage, die Steinmeier ein neues Temperament für die neue Rolle ans Herz legen. „Ein Mann des Ausgleichs, der Ruhe, das darf er nicht mehr sein“, wird da gefordert.

Vor allem der politische Rand in Gestalt von Frauke Petry und Sahra Wagenknecht will, dass sich Steinmeier ebenfalls mehr an den politischen Rand begibt und mehr als Mahner und Donnerer auftritt als seine Vorgänger. Eine solche Veränderung scheint glücklicherweise unwahrscheinlich. „Was können die Deutschen erwarten?“, fragt die Reportage abschließend. Die Antwort ist eindeutig: Abgeklärtheit, Ruhe, Professionalität, Sachkenntnis und … Abgeklärtheit.

FRANKFURTER RUNDSCHAU, 07.02.2017

Zwei sounding images Produktionen auf dem Golden Prague Festival 2016 ausgezeichnet

Zwei sounding images Filme haben einen Preis beim Golden Prague-Festival gewonnen. „Gozo – Eine Insel, zwei Opern“ erhielt den Preis für „Best Documentary“, die „Überlebenskünstler“ den „Vice Foundation Award“ der Dagmar und Václav Havel Foundation. Die „Überlebenskünstler“ waren außerdem auf der Shortlist des Prix d’Italia.

Die Begründung der Jury für Gozo:
A masterpiece of structure and story telling, this film shows music as the engine of social life in a small community. For treating its subject with respect, affection and humour – showing the discipline, the hard work and the unbridled joy of  friendly competition that holds an entire community together.

Die Begründung zum  „Vice Foundation Award“:
The Dagmar and Václav Havel Foundation VIZE 97 has awarded its international Prize to significant thinkers whose work exceeds the traditional framework of scientific knowledge, contributes to the understanding of science as an integral part of general culture and is concerned with unconventional ways of asking fundamental questions about cognition, being and human existence.

Kein Zickenfox – Hier dürfen nur Frauen mitspielen

66 Frauen, 21 Instrumente, unterschiedlichste Biografien und Lebensentwürfe – das ist das semi-professionelle Frauenblasorchester Berlin. Einmal in der Woche treffen sich die Musikerinnen zur Probe. Sie spielen Jazz, Pop und Klassik – in Bierzelten, Turnhallen und Konzertsälen. Astrid Graf, Musikerin mit Klarinettendiplom, hat das Ensemble ins Leben gerufen und leitet es seitdem. Der Dokumentarfilm „Kein Zickenfox“ über die Frauentruppe kommt am 17. März in die Kinos.

Ein bunter Haufen, dieses Frauenblasorchester Berlin. Da sitzt die Polizeibeamtin neben der Rechtsanwältin, die Lesbe neben der alleinerziehenden Mutter, die Ossie neben der Wessie. Und alle wollen sie Musik machen: „Ich kann mich da ausleben. Mit dem was ich fühle, wie ich denke, wie ich bin. Ich bin manchmal mehr Mensch in der Musik, als ich das sonst bin“, sagt Astrid Graf, die Dirigentin. Und ist selbst ein bisschen erstaunt darüber, was sie da sagt. Doch das ist das Geheimnis ihrer Truppe: gelebtes  Miteinander, aus Spaß an der Freude, ohne große Worte. Frauen, die alle ihr Leben haben – und die diesem Leben mit der Musik noch eins draufsetzen. Egal, aus welchem Grund.

Schlaglichtartig erschließt sich in diesem Film der Kosmos seiner Protagonistinnen. Pointierte, rasch hintereinander geschnittene Statements machen uns mit den Musikerinnen bekannt. Und wechseln sich ab mit liebevollen, gemächlichen Portraits: die Biobäuerin bei der Arbeit auf dem Feld; die Pfarrerin im Ruhestand, die ihr reiches Leben resümiert. Und Margrit, die Posaunistin, die nach schwerer Krankheit – zumindest für kurze Zeit – ins Orchester, in ihre musikalische Heimat zurückkehrt. Ihr ist der Film gewidmet.

Kein Kommentar aus dem Off macht sich während dieser 70 Minuten wichtig; die Geschichte erklärt sich selbst. Für die Stimmung, für Melancholie und Witz sorgen die Frauen – und die Kamera. Sie verharrt, als sich zu Beginn der wöchentlichen Probe alle einstimmen, auf der Schlagzeugerin, die ungerührt eine Stulle verdrückt – sie hat ja noch nichts zu tun und ist in einem Blasorchester zweifellos privilegiert: „Schlagzeug spielen ist eigentlich optimal“, freut sie sich. „Du kannst Luft holen, wann du willst, du kannst dabei essen und du kannst Lippenstift tragen.“

„Kein Zickenfox“ – der Film erzählt auch vom täglichen Kampf um Anerkennung. Und davon, wie schwierig es ist, in ein „demokratisch“ geführtes Orchester so was wie „Zug“ reinzubringen. Und er erzählt mit unglaublicher Leichtigkeit davon, wie schön es ist, wenn ganz unterschiedlichen Menschen mit Musik was Gemeinsames – und was Besonderes – gelingt. „Musik hat mir auch immer geholfen, empfindlich zu bleiben fürs Leben“, sagt eine der Musikerinnen. „Sensibel zu bleiben für all das, was um mich herum passiert.“

BR KLASSIK, 16.03.2016

Kein Zickenfox

Einmal pro Woche treffen in Berlin-Kreuzberg 66 Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 70, ihre 21 Instrumente und die unterschiedlichsten weiblichen Biografien und Lebensentwürfe aufeinander. Ihr Ziel: gemeinsam musizieren.

Der Film, Gewinner von bislang fünf Publikumspreisen, zeigt, wie dieses außergewöhnliche Ensemble auch die Privatleben der Beteiligten bereichert und wie es 66 ganz „normale“ Frauen schaffen, etwas Großartiges gemeinsam auf die Bühne zu stellen.

Eine Produktion in Zusammenarbeit mit dem Frauenblasorchester Berlin, das seit 2003 unter der Leitung von Astrid Graf musiziert. Es gab Auftritte in Bierzelten, Gärten und auch in der Philharmonie Berlin. Von Jazz über Pop zu Klassik, das Orchester ist neugierig und probiert alles mal aus, Hauptsache die Freude an der Musik bleibt nicht auf der Strecke.

D 2014, Regie: Dagmar Jäger & Kerstin Polte
Frauenblasochester Berlin

Hannah Arendt – Eigenständig denken war ihr Lebensmotto

Donald Trump ist der Elefant im politischen Porzellanladen Amerikas, Europa steht in der Flüchtlingskrise vor einer Zerreißprobe, weltweite religiöse und kulturelle Konflikte bestimmen die Schlagzeilen – was hätte Hannah Arendt dazu gesagt?

Frau Brocke, als Hannah Arendts Großnichte verfolgten Sie 1961 an ihrer Seite den Eichmann-Prozess. Heute, mehr als vierzig Jahren nach dem Tod ihrer Großtante, fragt eine Fernsehdokumentation nach der Aktualität ihres Denkens. Wo greifen die Gedanken Hannah Arendts in Ihrem Alltag besonders?

Dass Hannahs Sicht auf die Dinge auch noch so lange nach ihrem Tod wahrgenommen werden würde, konnte keiner ahnen. Oft haben meine Eltern, meine Schwester und ich uns gefragt, was Hannah zu diesem und jenem gesagt hätte. Wir wissen es ja nicht, aber es ist vor allem ihre Art zu fragen, die vielen in Erinnerung blieb. Im Falle der Ukraine, zum Beispiel: Inwieweit ist dort der Totalitarismus überwunden? Hat es dort überhaupt eine Befreiung aus den totalitären Strukturen und Gesinnung gegeben? Auch hinsichtlich dessen, wie Systeme funktionieren, hatte Hannah einen erhellenden Aspekt beigetragen, zum Beispiel durch ihre Einschätzung Adolf Eichmanns als „Hans Wurst“. In weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft hatte man allerdings ihren Prozess-Bericht damals – in unterschiedlicher Weise – kritisiert. Und auch ich hatte anfänglich Probleme, Hannahs Sichtweise hier in Gänze zu verstehen.

Das war Hannah Arendt immer das Wichtigste, das Verstehen. Wann setzte es bei Ihnen ein, im Blick auf den Eichmann-Bericht?

Als ich viel später in Essen die Leitung der Begegnungsstätte „Alte Synagoge“ übernahm, einer städtischen Einrichtung, begann ich zu verstehen, was es bedeutet, in eine Hierarchie eingebunden zu sein und Menschen zu begegnen, die primär darauf bedacht sind, die eigene Beförderung anzustreben, eine Unterordnung zu bevorzugen, anstatt über das eigene Tun nachzudenken. Eichmann hat ja wirklich niemanden getötet. Aber das beflissentliche Organisieren der Züge „in den Tod“ hat bei ihm kein Nachdenken hervorgerufen. Ansatzpunkte, um unsere Neugier zu befriedigen – „Was hätte Hannah hierzu gesagt?“ –, gibt und gab es zahlreiche. Aber sicher ist es immer primär unsere Phantasie, die uns sagt, was sie gedacht haben könnte. Da sich die Situation in der Welt gewaltig verändert hat, wird es zunehmend schwieriger, dieser Phantasie freien Lauf zu gewähren und zu rätseln, was Hannah zu den Ereignissen in Köln oder zum Wahlkampf in den Vereinigten Staaten oder zu Trump im Besonderen gesagt hätte.

Zu Donald Trump vermutlich nichts mehr. Wen würde sie wohl wählen?

Nein, da wäre wahrscheinlich auch ihr nicht mehr viel eingefallen. Dabei ist es in der Tat schwer zu sagen, wen Hannah wählen würde. Da sie immer die Demokraten gewählt hatte, bin ich ziemlich sicher, dass sie auch dieses Mal diese Partei wählen würde, auch wenn sie vermutlich weder von Clinton noch von Sanders besonders überzeugt wäre. Als ich sie einst fragte, wen sie wählen würde, bekam ich eine merkwürdige Antwort: „AbN“. Das sei doch keine Partei, fragte ich zurück, und Hannah lachte fröhlich: Anything but Nixon!

Und Köln? Man kann sich nur schwer vorstellen, dass man keinen Artikel von ihr dazu in den Tageszeitungen gefunden hätte.

Es stimmt, das hätte sie sehr bestürzt und wütend gemacht. Dabei war Hannah gewiss keine Feministin, zumindest nicht nach den heutigen Begriffen, aber sie war eine sehr bewusste Frau. Sie hätte vor allem das Versagen des Staates und seiner Ordnungskräfte kritisiert. Und auch über den weiteren Verlauf des Diskurses wäre sie wohl enttäuscht gewesen, denn für sie war gemeinsames Handeln immer wichtig.

Der Staat hätte in Hannah Arendts Augen in seiner Pflicht des gemeinsamen Handelns gefehlt? Aber welches Gefühl kommuniziert man einer mitunter ziemlich besorgten Bevölkerung?

Auf keinen Fall Mitleid! Das wäre Hannah sehr wichtig gewesen: Mitleid darf ihrer Meinung nach deshalb bei politischen Entscheidungen keine Rolle spielen, weil in der Politik eine rationale Grundlage für Entscheidungen unverzichtbar ist. Natürlich ist das kein Widerspruch zu Empathie, die durchaus zuweilen auch ein Hintergrund für eine rationale Entscheidung sein kann, aber realpolitische Probleme fordern realpolitische Lösungen. Mitleid im Sinne, wie Hannah es auch begriffen hat, ist Mitleiden. Exemplarisch für diese Unterscheidung ist Friedrich Nietzsches Leiden an jenem Gefühl des Mitleidens.

Als er in Turin einem Pferd, das geschlagen wurde, weinend um den Hals fiel…

… weil er am Leid des Pferdes Anteil hatte.

Im Bändchen „Ich will verstehen“ berichtet Hannah Arendt, wie sie ihren jüdischen Religionslehrer aus dem Konzept bringen wollte. Sie stand im Unterricht auf und sagte: „Ich glaube nicht an Gott.“ Der Lehrer antwortete gelassen: „Wer hat das von dir verlangt?“ Wie würde Ihre Großtante Ihrer Ansicht nach wohl über religiöse Konflikte heute denken?

Das hat mit ihrem Jüdisch-Sein zu tun, weil es im Judentum weder die Erwartung, noch einen Zwang „zum Glauben“ gibt. Das hat der Lehrer ihr wunderschön vermittelt. Zugleich gehörte zu diesem jüdischen Hintergrund, dass ihr Gerechtigkeit besonders wichtig war, insbesondere dann, wenn es um Rechtsstaatlichkeit ging. Es geht um eine Übereinkunft von Werten, an denen die Mitglieder des Gemeinwesens gemeinsam festhalten wollen.

Wie sieht in Ihren Augen die heutige Pflicht zum Ungehorsam aus, wenn man an Hannah Arendts berühmtes „Denken ohne Geländer“ denkt? Wo tut Ungehorsam Not?

Ungehorsam gegen wen? Gegen was? Ich weiß auch nicht, ob es so etwas wie eine „Pflicht“ zum Ungehorsam geben kann. Hannah hätte das fehlende Einhalten rechtsstaatlicher Grundsätze sowohl in der Bundesrepublik als auch in der EU beklagt. Was für Hannah grundsätzlich negativ konnotierte war, war Mitläufertum, aber Widerstand befürwortete sie nur dort, wo Recht überschritten oder missachtet wurde. Eigenständig denken und dafür einstehen, das war ihr Lebensmotto. Hannah hat immer gesagt, was sie dachte, und gedacht, was sie sagte.

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Edna Brocke wurde 1943 in Jerusalem geboren und lebt seit 1968 in Deutschland. Die Judaistin gehört zu den Herausgebern der Zeitschrift „Kirche und Israel“ und leitete bis 2011 die Begegnungsstätte „Alte Synagoge – Haus jüdischer Kultur“ in Essen.

Die Dokumentation Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam läuft heute, Mittwoch, um 21.55 Uhr auf Arte.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 09.03.2016

Kein Zickenfox – Der Film über das Frauenblasorchester feiert Premiere

Am 17.03. kommt „Kein Zickenfox“, der Dokumentarfilm über das Frauenblasorchester Berlin (FBOB), ins Kino. SIEGESSÄULE-Autorin Uta Zorn sprach mit den Filmemacherinnen Dagmar Jäger und Kerstin Polte
16.03. – „Kein Zickenfox“ ist ein Dokumentarfilm über das Frauenblasorchester Berlin (FBOB). Kamerafrau Dagmar Jäger stolperte quasi über das Orchester im Humboldthain bei der Fête de la Musique, und Regisseurin Kerstin Polte sagte sofort „ja, lass uns drehen“, als sie bei einer Probe zu Gast war. SIEGESSÄULE-Autorin Uta Zorn traf die Filmemacherinnen auf der Berlinale und sprach mit ihnen über die Dreharbeiten und den Kinostart am 17. März

Wie war euer „erstes Mal“ mit dem Orchester und was hat euch besonders angezogen?
Dagmar: Die Frauen. Ich habe diese Musik gehört und hab gesagt, da muss ich hin. Was ist das denn, das hört sich so schön an und so energievoll. Dann stand ich da in diesem traumhaften Licht, nur Frauen und die Musik dazu und dachte gleich, dazu muss man einen Film machen. Eine Flötistin im roten Kleid mit schwarzen Punkten, so ganz leicht und dann Steph, die Tubistin, mit ihrer Zimmermannshose – was für ein Potpourri!
Kerstin: Ich hatte nur davon gehört und da ich ja nun mal Frauen generell sehr anziehend im Leben finde und dann erst 66 (lacht) – das musste ich sehen. Ich habe dann in dieser Probe gestanden, es war ein Gewusel, ein unglaubliches Chaos und ich habe wirklich gedacht, wie soll man daraus einen Film machen? Es ist total geil, es berührt mich zutiefst, sofort, aber wo kann hier eine Struktur rein? Als Filmemacherin denkt man sofort, das muss auch alles einen Anfang und ein Ende haben, und eine Mitte – Struktur, Dramaturgie.

Hattet ihr ein Drehbuch?
Dagmar: Kerstin hat in der Regel Drehbücher, die man dann irgendwo in die Ecke schmeißt. Und dann kommt sie mit Zetteln an. Da steht bis auf den letzten Zipfel irgendwo was geschrieben, das ist dann ungefähr das Drehbuch. „Heute machen wir das“, und meistens habe ich dann gesagt: „Okay, dann stell ich die Kamera heute dahin.“ Mit anderen Worten, es gab kein Drehbuch. Aber die große Idee war schon da, wir wollten die Frauen erzählen lassen.

Wie habt ihr es geschafft, 160 Stunden nach über drei Jahren Dreh auf 70 Minuten zu schneiden?
Kerstin: Ich bin ja auch gelernte Cutterin, und genauso wie beim Drehen lass ich mich immer davon leiten, was berührt mich und was berührt mich nicht. Also erst mal gucken, was ist überhaupt stark, was ist da an Szenen, an Momenten. Klar, und danach muss man natürlich was aufschreiben, da entsteht das Drehbuch dann. Wir wollten immer einen Film machen, wo man nachher rausgeht und sagt, jetzt hätte ich noch gern 10 Minuten und jetzt muss ich den noch mal angucken, weil – da vorne das interessiert mich.

Ihr habt die Frauen mehrere Jahre begleitet, wir groß war euer Budget?
Dagmar: Wir hatten genau Nullkommanull – eigentlich hatten wir Schulden.

Ihr kommt in dem Film den Frauen unheimlich nah. Wie habt ihr das geschafft?
Kerstin: Ein paar Monate nach Drehbeginn sind wir mit auf Tournee gegangen. Ab da war es einfach so, dass wir gar nicht mehr von außen was getan haben, sondern immer ein Teil des Ganzen waren, wir mit den Frauen verschmolzen sind. Wir waren wie Notenständer. Die haben uns gar nicht mehr so richtig wahrgenommen, wir haben halt dazugehört.

Täusche ich mich, oder ist „Kein Zickenfox“ auch eine Hommage an Berlin?
Kerstin: Für mich ist manchmal noch zu wenig Berlin drin. Ehrlich gesagt, diese Frauen, so wie sie da sind, finde ich, gibt’s auch nur hier, und deswegen ist das auch die Stadt, in der ich lebe und in die ich immer wieder gezogen bin.
Dagmar: Ich weiß auch nicht, was du da in Zürich wolltest.
Kerstin: Ich auch nicht. Geld verdienen, hat aber auch nicht geklappt.
Dagmar: Wir lieben Berlin.
Kerstin: … und dieser Film spielt hier, und das ist integraler Herzbestandteil dieses Films.

Es hat einige Zeit  gedauert, bis der Film in die Kinos kommt, weil sich die Klärung der Musikrechte hingezogen hat. Wie geht es nach dem Kinostart weiter und klingelt es dann in der Kasse?
Kerstin: Die DVD kommt vier bis acht Wochen nach dem Kinostart. Der rbb zeigt den Film auch noch einmal im Sommer im TV, weil es ein Frühling/Sommerfilm ist. Der macht Spaß in der Zeit. Und wenn es im Kino gut läuft, glaube ich schon, dass der eine oder andere Sender ihn auch noch mal zeigt. Nein, wir kriegen nichts. Die Einnahmen gehen alle an den Verleiher, der hat auch unheimlich viele Kosten und die Kinobetreiber bekommen ja auch etwas. Kino-Dokumentarfilm ist ein absolutes Verlustgeschäft, auch für die Verleiher. Deswegen bin ich auch so froh, dass Darling Berlin und das Entscheider-Gremium einstimmig gesagt haben „diesen Film möchten wir“.

Kein Zickenfox – Beschwingt durchs Leben

Musikdokus handeln häufig von berühmten Interpreten oder außergewöhnlichen Begabungen. Kein Zickenfox erzählt von einfachen Musikerinnen nebenan. Ein Alleinstellungsmerkmal haben freilich auch sie: Sie spielen im einzigen Frauenblasorchester der Welt.

Einmal in der Woche ist der Probenraum in Berlin-Kreuzberg zum Bersten gefüllt. Den 66 Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 70 ist das einerlei. Was alle verbindet – egal ob Studentin, Polizistin, Diplombibliothekarin, Lebensmittelchemikerin oder Bauingenieurin –, ist die Liebe zur Musik. Und die überträgt sich schnell auf ihr Publikum.

Für ihren Dokumentarfilm Kein Zickenfox haben Kerstin Polte und Dagmar Jäger das Frauenblasorchester Berlin begleitet. Dirigentin Astrid Graf hat es 2003 ins Leben gerufen. Der Andrang war von Anfang an riesig. Die Kamera ist bei den Proben, bei Auftritten in der bayerischen Provinz und in der Berliner Philharmonie dabei. Vor grauem Hintergrund verraten die Musikerinnen Alter, Beruf und Instrument, geben eine kleine Kostprobe ihres Könnens und mit einem Augenzwinkern zu, dass die Diskussionen bei einem reinen Frauenorchester gern mal etwas länger dauern. Im Kern handelt Kein Zickenfox aber von Lebensentwürfen. Und so zeigen Polte und Jäger ein gutes Dutzend Frauen auch im Privaten, wie sie leben und arbeiten, wen sie lieben, was sie denken und fühlen; erzählen von späten Coming-outs, alternativen und ganz gewöhnlichen Werdegängen.

Was auffällt, ist die positive Energie, die vom gemeinsamen Musizieren in den Alltag und wieder zurück strömt. Da ist etwa Irmgard, die noch im Rentenalter mit dem Saxofonspielen begonnen hat, da ihr eigentliches Instrument, das Waldhorn, in ihren Ohren viel zu doof klingt. Ihrem Appell, seinen Zielen zu folgen, solange man noch könne, folgte auch Trompeterin Gisela jederzeit. Von einem Leben nach dem Tod oder von Wiedergeburt will die pensionierte Pfarrerin nichts wissen. Für sie ist jedes Leben so einzigartig, dass es sich einfach nicht lohne, seine Pläne für ein mögliches nächstes aufzuschieben. Und da ist die – mittlerweile verstorbene – Posaunistin Margrit, die nach ihrer Krebserkrankung die Energie des Orchesters vermisst, so schnell wie möglich zurückdrängt und sich selbst mit amputierten Fingern nicht vom Spielen abbringen lässt.

Mit einer knappen Laufzeit von gerade einmal 69 Minuten kratzt Kein Zickenfox freilich nur an der Oberfläche. Dennoch bietet der Film ein Kaleidoskop starker Frauen. Ein Ausflug nach Bayern führt dem Publikum amüsant vor Augen, warum ein emanzipiertes Leben manchmal eben doch besser in Berlin als in der Provinz glückt. Und wenn die Zuschauer in der Berliner Philharmonie zur orchestralen Interpretation von Miriam Makebas Pata Pata auf ihren Sitzen wippen, ist das Kinopublikum schon lange von der Musik, ihren Interpretinnen und von diesem kleinen Feelgood-Dokumentarfilm eingenommen.

(Falk Straub)

Alles außer Humtata

Bettina mag ihr Tenorsaxophon, „weil es nicht so ordentlich ist wie die anderen Instrumente“, und sie liebt ihre Frau Maria mit der Bass- klarinette. Sabine an der Trompete wiederum flirtet gern mit Bianca an der Querflöte, und die Piccoloflöten-Spielerin zieht es zur Frau an den Percussions. Auch Horn und Sopransaxophon harmonieren sehr gut, wird berichtet. Im einzigen Frauenblasorchester der Welt ist es egal, ob Lesbe oder heterosexuelle Frau, Lehrerin oder Polizistin: die Liebe zur Musik eint sie alle. Jede Woche treffen sich die 66 Laien- musikerinnen zwischen 19 und 74 Jahren, um gemeinsam zu musizieren.

Im September 2003 nahm alles seinen Anfang, als eine Schülerin von Astrid Graf die Idee hatte, ein Frauenorchester zu gründen. Also wurden Anzeigen geschaltet, um Musikerinnen zu finden, ein Probe- raum gesucht, und schon bald trafen sich die ersten 40 Frauen und starteten das Projekt. Ein halbes Jahr später wurde der Verein Frauen- blasorchester Berlin e.V. gegründet mit dem Zweck, Blasmusik zu pflegen, und Nachwuchs, das Zusammenspiel von Laienmusikerinnen sowie die Präsenz von Frauen in der Musik zu fördern. Im Verein sind inzwischen gut 100 Musikerinnen organisiert, der Mitgliedsbeitrag staffelt sich einkommensabhängig. Mittlerweile gibt es sogar ein zweites Orchester namens „Holz und Blech“, liebevoll auch als erstes Kammerblasorchester Berlins bezeichnet. Natürlich verändert sich die Besetzung des Orchesters immer mal wieder, neue Frauen werden aufgenommen, andere verabschiedet. „Zurzeit gibt es Vakanzen am Blech, also an Trompete, Posaune und Tuba, aber auch eine fort- geschrittene Frau am E-Bass würden wir gern in unseren Reihen begrüßen“, bemerkt Astrid Graf, Dirigentin und musikalische Leiterin des Frauenblasorchester Berlin (FBOB). Geprobt wird einmal wöchentlich und in zusätzlichen Registerproben für Blech und Flöte, also in separaten Stimmproben ohne die komplette Aufstellung. Das Laienorchester finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden sowie den Einnahmen aus Konzerten und CD-Verkäufen.

Musik für Kopf und Herz

L-MAG war zu Gast bei einer Probe – ob sich wohl ein Frauenblas- orchester musikalisch von anderen Blasorchestern unterscheidet? Astrid beantwortet das so: „Wir spielen Filmmusik, Jazz, Latin, Klassik und sinfonische Blasmusik. Um traditionelle Blasmusik wie Märsche und Polkas, also Humtata, machen wir einen Bogen. Oft werden wir gefragt, ob wir als reines Frauenorchester anders klingen als gemischte Orchester. Ich lasse dann unser Publikum für uns sprechen. Und sie finden, unser Klang sei feiner und nuancierter. Unsere Musik spricht Kopf und Herz an!“ Astrid ist diplomierte Klarinettistin, hat bereits in Köln erste Erfahrungen als Dirigentin gesammelt und treibt ihr Berliner Orchester seit dem ersten Tag zu Höchstleistungen. Sie arrangiert Stücke passend für jede Einzelne und kümmert sich um jedes Detail bei Proben und Auftritten. Sie greift aber auch schon mal hart durch, wenn es bei der Probe mal wieder zu laut wird oder jemand an der Stulle knabbert. Ist der Vor- hang geöffnet, steht Astrid im kurzen Jäckchen oder im langen Frack auf dem Podest und taucht in ihr Orchester ein.

„Um traditionelle Blasmusik wie Märsche und Polkas machen wir einen Bogen“

Sie dirigiert, hüpft die Einsätze. Die Orchesterfrauen, bis in die Haar- spitzen konzentriert, werden zu einem klanggewaltigen Ganzen. Jedes Jahr treten sie ungefähr viermal auf und spielen ein Benefiz- konzert. Bereits zweimal waren sie in der Berliner Philharmonie zu bestaunen, und zum 10-jährigen Jubiläum wurde die erste Auftrags- komposition präsentiert, ermöglicht durch Crowdfunding. Die Berliner Komponistin Susanne Stelzenbach schrieb für das Orchester das Stück „Luftspiel“, das 2015 im Sendesaal des Rundfunks Berlin Branden- burg (RBB) uraufgeführt wurde. Das Orchester und seine Dirigentin haben sich in den Jahren weiterentwickelt: „Ich bin mit dem Orchester gewachsen, menschlich und musikalisch. Ich denke, man muss immer Ideen und Träume haben, wo es hingeht und dann nicht aufhören. Und dieses Orchester ist mein Herzblut.“

Vom Konzertsaal auf die Kinoleinwand

Dem besonderen Sound, den diese Frauen ihren Instrumenten ent- locken, konnte sich auch die Kamerafrau Dagmar Jäger nicht ent- ziehen, als sie zufällig vor einigen Jahren dem FBOB begegnete. Angezogen von stimmungsvollem Jazz und der schwungvollen Energie, begleitete sie mit ihrer Filmpartnerin und Regisseurin Kerstin Polte das Orchester über zwei Jahre. Es entstand ein filmisches Orchesterporträt der besonderen Art. Ab 17. März ist dieser nun in mehreren deutschen Städten auch auf der Kinoleinwand zu sehen. Der Film „Kein Zickenfox“, produziert von Claus Wischmann („Kinshasa Symphonie“), ist bereits auf mehreren Festivals gelaufen und hat einige Auszeichnungen erhalten: bei den „Lesbisch Schwulen Filmtagen“ in Hamburg sowie beim internationalen Filmfestival „Pink Apple“ in Zürich den Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm. Und auch in Bremen, Hannover und Freiburg war das Publikum begeistert und belohnte das mit einem Preis.

Treffen sich die Töne von Horn, Trompete, Posaune und Tuba, ist es gewöhnliche Blasmusik. Arrangiert man Saxophone, Flöten, Klarinetten und Schlagzeug dazu und gibt all das 66 Frauen in die Hand, ist das nicht nur das einzige Frauenblasorchester weltweit, sondern ein Klang der ganz besonderen Art.

„Kein Zickenfox“, Dokumentarfilm, Regie: Dagmar Jäger, Kerstin Polte, Kinostart: 17. 3. Previews: 22.2. Cinema Münster, 2.3. Monopol München, 8. 3. Moviemento Berlin, 16. 3. Kinopremiere mit anschließendem Konzert Urania Berlin.

Königin der Nacht putzt Toiletten – „Überlebenskünstler“

Die Arte-Dokumentation „Überlebenskünstler“ erzählt von Musikern, die sich in einem Zweitjob verdingen, um über die Runden zu kommen.

Sie leben zwei Leben. Den Job brauchen sie fürs Geld, die Musik für ihr Seelenheil. Abends geben sie Konzerte, tags räumen sie den Dreck anderer Leute weg. Der sehenswerte Dokfilm „Überlebenskünstler“ stellt leidenschaftliche Musiker vor, die in Würde ihrer Zweitarbeit nachgehen.

Roman Krasnovsky spielt auf Orgeln in London, Paris oder New York. In seiner Heimat Israel sind Organisten nicht gefragt. In den Synagogen gibt es keine Orgeln. Roman arbeitet als Müllmann, steht früh um vier auf. „Ich habe dauernd Schmerzen in den Händen“, sagt er. „Während der Arbeit denke ich an Musik, nicht an den Müll.“ Er tritt bei Hauskonzerten und in Kirchen auf und kann sich nichts Schöneres denken.

Melina Paschalidou studierte in Griechenland Gesang, lebt seit zwei Jahren in Berlin, nimmt privaten Unterricht und möchte Opernsängerin werden. Für diesen Traum arbeitet sie vierzig Stunden in der Woche als Hausmädchen, putzt Wohnungen, säubert Toiletten. „Diese Arbeit ist wirklich nicht die beste, aber so ist das Leben.“ Bei einer Agentur bewirbt sie sich mit der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“. Die Sopranistin setzt sich eine Frist; wenn sich bis dahin ihr Traum nicht erfüllt, kehrt sie zu Mann und Familie nach Griechenland zurück.

Andrej Kulischko ist Oboist der Staatlichen Philharmonie in Kiew. Von der Gage können er und seine Familie nicht leben. Er betreibt nebenher eine Autowerkstatt, arbeitet täglich bis zu 16 Stunden. „Durch den Krieg in der Ostukraine ist alles teurer geworden“, sagt er. Aber ins Ausland geht er nicht. Die Musik schenkt ihm Zuversicht und Kraft. „Das Leben meiner Kinder will ich in einem wolkenlosen Himmel sehen, ohne Krieg.“

Ein Pendeln zwischen OP und Konzertsaal führt der Bonner Arzt Ulrich Kolk. Regelmäßig tritt er mit dem Kontrabass in Amateur- und Berufsorchestern auf. Der Herzspezialist kann von seinem Gehalt leben, doch ohne das Spiel auf dem Instrument kann er sich das Dasein nicht vorstellen: „Musik räumt die Seele auf.“

szonline.de, 20.02.2016