Pressestimmen

Kirche ohne Priester?

tagesschau.de – ein bisschen weniger Zöllibat?
[…] In der Kirche in Deutschland kann sich die Mehrheit der Bischöfe längst vorstellen, auch verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Doch es gibt Widerstand aus konservativen Kreisen, zum Beispiel von Gerhard Ludwig Kardinal Müller. Der Kardinal sagt, nun zu meinen, durch die „Viri Probati“ könne man den Priestermangel im Amazonasgebiet oder in Europa lösen, das sei eine sehr vordergründige Einstellung, eher ein Kurieren an Symptomen.. Artikel lesen

domradio.de – Priestermangel als Problem und Chance
[…] Das Fazit der Regisseure: Kirche muss sich einer veränderten Situation stellen, Beziehungen zu den Menschen herstellen und drängende Fragen angehen, wenn sie der titelgebenden Prognose „Kirche ohne Priester“ etwas entgegensetzen will… Artikel lesen

br.de – Verzichtet die Kirche auf den Zölibat?
[…] Doch was passiert, wenn sich die katholische Kirche nicht dafür öffnet? Wie kann eine Kirche ohne Priester dann aussehen? Diese Fragen dürfte sich auch Papst Franziskus stellen. Wie seine Antwort ausfällt, könnte sich bei der Synode im Oktober 2019 zeigen. Artikel lesen

Marx und seine Erben

Ein Film von Peter Dörfler, 52 min, ARD 2018

heise.de – guter Marx, schlechter Marx
[…] „Der Film verbindet geschickt und auf das Wesentliche reduziert verschiedene Stränge: die Lebensstationen und der Bildungsgang von Marx werden ergänzt um Kommentare von linken Politikern wie Sarah Wagenknecht und Yanis Varoufakis sowie von Historikern und Publizisten. Artikel lesen

berliner-zeitung.de – „Resultat schlechter Propaganda“
[…] Autor Peter Dörfler fragt bei linken Politikern und Aktivisten wie Sarah Wagenknecht, Werner Rätz von Attac, Pierre Laurant, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Frankreichs und Yanis Varoufakis nach, was Marx heute für die konkrete Politik bedeutet. Parallel zeigt die Reportage, wie hoch im Kurs Karl Marx im offiziellen China steht, und blickt darauf zurück, wie unterschiedlich und radikal seine Thesen in der Vergangenheit interpretiert wurde, bis hin zu den Terrorregimes von Stalin und Mao. Artikel lesen

geschichte-wissen.dewelche Bedeutung hat er noch in unserer Welt?
[…] Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich die Rezeption von Marx ist: In Deutschland folgte auf das Unrechtssystem der DDR und den Kalten Krieg Ernüchterung und Ablehnung des Sozialismus. China hat dagegen einen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gefunden, der einen beinahe unheimlichen Erfolg feiert – Politikwissenschaftler reden von einem sich nähernden chinesischen Jahrhundert. Mit diesen Mitteln gelingt es der Dokumentation die Bedeutung von Karl Marx darzustellen. Artikel lesen.

fr.de (Frankfurter Rundschau) das Arte -Doppel zu Marx
[..] „Karl Marx und seine Erben“ erzählt die Marx-Biographie noch einmal, kostümfrei; und fügt hinzu die Sowjetunion, China, Kuba, die DDR usw. usw. Es gibt darin allerdings etwas wirklich Interessantes: das Gespräch zwischen dem Trierer Kulturreferenten und dem chinesischen Bildhauer Wu Weishan, der die fünf Meter große Marx-Statue für Trier gemacht hat. Marx sei für ihn „der große Wanderer“. Artikel lesen

Das geheime Leben der Hunde

Ein Film von Claus Wischmann, 52 min, SWR 2017

suedkurier.de
Mit der Dokumentation „Das geheime Leben der Hunde“ greift der SWR das Thema Trennungsangst bei Hunden auf, das ein weit verbreitetes Problem auch für die Halter darstellt. Artikel lesen

badische-zeitung.de
Ein Drittel aller Hunde, so mutmaßen Wissenschaftler, gerät in schlimmen Stress, wenn sie ohne Herrchen oder Frauchen sein müssen. Der Mensch hat lange daraufhin gearbeitet, dass der Hund sein bester Freund wird. Nun ist er ein Wesen, das von uns abhängig ist – fast wie ein kleines Kind. Das aber scheint vielen Hundebesitzern nicht klar zu sein. Die Doku zeigt das Problem sehr eindrucksvoll – die Lösungen allerdings kommen zu kurz. Schade, denn deutliche Hinweise auf die Fehler der Besitzer wären wichtig gewesen. Artikel lesen

2017 schreit nach Hannah Arendt – hier ist der passende Film auf arte

„Wir müssen uns wieder mit Hannah Arendt beschäftigen“ – wie oft habe ich diesen Satz seit dem 09. November 2016 schon gesagt? Oft genug. Das Problem ist: Hannah Arendt zu lesen ist eine Mammutaufgabe. Zwar empfehle ich immer die Biografie von Alois Prinz als Einstieg, aber geht es an ihr Werk, scheue ich oft, anderen die Lektüre zu empfehlen. Denn sie ist mühsam. Arendts Gedanken sind irre komplex und sich da hindurch zu kämpfen ist bestimmt nicht jederfraus Sache. Sie hat jeden Satz mit Bedeutung aufgeladen und sie schafft es oft nicht, herunterzubrechen.

Umso erfreulicher, wenn im Öffentlich-Rechtlichen Dokus gezeigt werden, die genau das Thema aufgreifen, das mir am Herzen liegt: das Heute mit ihrem Leben und ihrem Denken zusammenzubringen! Auf arte läuft noch bis 2. Mai 2017 die Doku „Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam“ – und für eure französischen Freunde auch in ihrer Sprache: „Hannah Arendt – Du devoir de la désobéissance civile“! Was gut ist, denn auch Frankreich wählt dieses Jahr und Marine Le Pen könnte als Siegerin daraus hervorgehen.

„Hannah Arendt ging es vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Massenbewegung und dem totalitären Bewusstsein stets darum, den Menschen vor seiner Degradierung zum Konsumenten, „Automaten“ und reinen Bürokraten zu bewahren. Denn diese sind willenlose Wesen, die „leer“ sind und mit denen Ideologen alles machen können. Hannah Arendts politisches Denken blieb stets der Aktualität verbunden. Und so schlägt der Film immer wieder Brücken zu gegenwärtigen Entwicklungen und Brennpunkten.“

Was braucht eine gute Revolution, um Demokratie zu ermöglichen? Wie beginnt Totalitarismus? Was kennzeichnet Menschen in düsteren Zeiten? Wie geht das tätige, das politische Leben? Was ist Ungehorsam und warum ist es wichtig zu urteilen? Wir müssen uns mehr mit Hannah Arendt beschäftigen – hier wäre ein Anfang!

piqd, Katrin Rönicke, 20.02.2017

Der Mann ohne Eigenschaften

Vorneweg: Wer in diesem Portrait sensationelle Enthüllungen über den Ex-Außenminister und Bald-Bundespräsidenten erwartet, der wird enttäuscht: Steinmeier ist einfach kein Mann der Überraschung. Tatsächlich könnte man argumentieren, dass seine ganze politische Laufbahn darauf beruht.

Entsprechend werfen alle politischen Weggefährten, Journalisten und sogar Psychologen die altbekannten Steinmeier-Klischees in die Runde: Die „Unaufdringlichkeit bis hin zum Verblassen“ wird da hervorgehoben, sein „Beamtentum“, und dass er sich „nicht in den Vordergrund drängt, sondern an Ergebnissen arbeitet“. Bei diesem Ringen um die freundlichsten Umschreibungen für „unauffällig“ schießt Innenminister Thomas de Maizière schließlich den Vogel ab und attestiert Steinmeier „Abgeklärtheit, Ruhe, Professionalität, Sachkenntnis und … Abgeklärtheit“. Irgendwann fallen selbst den Profi-Rednern keine Synonyme mehr ein.

Nachdem die erfahrenen TV-Reporter Thomas Bittner, Jessica Krauß und Stefan Pannen dem öffentlichen Bild von „Deutschlands beliebtestem Politiker“ (die Reportage wurde offenbar vor dem Schulz-Hype zusammengestellt) so gar nichts Neues hinzuzufügen haben, konzentrieren sie sich 45 Minuten lang lieber auf eine interessantere Frage: Sind das Eigenschaften, die ein Politiker heute haben kann? Oder vielleicht: sollte? Oder sogar: muss?

Die Antwort lautet: ja und nein. Und an jeder Stufe von Steinmeiers Karriere kommt eine neue Antwort dazu. „Ich gehöre ja zu denjenigen, die sich tatsächlich für Inhalte interessieren“, sagt er vorsichtig, und fügt beinahe entschuldigend an: „Ich hab daran nichts Nachteiliges gesehen.“ (Wie weit ist es nur gekommen, dass dies eine erstaunliche Aussage für einen Politiker ist?) Tatsächlich war er als Büroleiter und später Kanzleramtsminister hinter Schröder perfekt besetzt: Der kluge, bedächtige Sacharbeiter hinter der schillernden, aber instabilen Rampensau. Als zweite Geige hinter der selbst pragmatischen Angela Merkel dagegen musste er wie eine unnötige Sicherheitskopie wirken.

Das ist vielleicht die Ironie seiner politischen Karriere: Er war für die große Koalition wie geboren. In turbulenten Zeiten war er der richtige Mann zur richtigen Zeit mit der richtigen Sachlichkeit – doch eine Frau mit den gleichen Eigenschaften hatte die Schaltzentrale bereits besetzt. Unter dem Vizekanzler Steinmeier hätte Angela Merkel tot umfallen können, die Pragmatik der politischen Mitte wäre unverändert weiter an der Macht geblieben. Kein Wunder, dass die SPD unter ihm stetig an Profil verlor. „Es gibt Leute, die wären gute Kanzler, kommen aber nie dahin, weil sie keine gute Kanzlerkandidaten sind“, fasst der Journalist Jens König trocken das Dilemma zusammen.

Behutsamkeit wirkt plötzlich wieder reizvoll

Andererseits wirkt Steinmeiers Behutsamkeit in diesen Tagen plötzlich wieder reizvoll. Denn genau der mangelnde Wille zur Polarisierung, der ihn als Kanzlerkandidat so farblos machte, verschafft ihm nun das höchste Amt im Staat: Zur notwendigen Überparteilichkeit eines Bundespräsidenten ist es bei ihm nicht mehr weit, das hat letztlich auch der Koalitionspartner eingesehen. Steinmeiers außen- und innenpolitische Bilanz fällt zwar insgesamt ambivalent aus. Aber in Zeiten, da fachfremde Dampfplauderer und Populisten ohne Selbstdisziplin auf dem Vormarsch scheinen, wirkt ein bedachter, kluger „Superbeamte“ wie Balsam für die Volksseele.

Nicht zu Unrecht bezeichnet ihn ein Kommentator als den Anti-Trump: Sein kontroversestes Hobby ist das Kochen und die sensationellste Neuigkeit aus seinem Privatleben war eine selbstlose Nierenspende an seine schwer kranke Ehefrau.

Ganz ehrlich: Sehnen wir uns angesichts der globalen Schaumschläger und Geiferer nicht nach solchen Leuten? Umso absurder erscheinen die abschließenden Stimmen der Reportage, die Steinmeier ein neues Temperament für die neue Rolle ans Herz legen. „Ein Mann des Ausgleichs, der Ruhe, das darf er nicht mehr sein“, wird da gefordert.

Vor allem der politische Rand in Gestalt von Frauke Petry und Sahra Wagenknecht will, dass sich Steinmeier ebenfalls mehr an den politischen Rand begibt und mehr als Mahner und Donnerer auftritt als seine Vorgänger. Eine solche Veränderung scheint glücklicherweise unwahrscheinlich. „Was können die Deutschen erwarten?“, fragt die Reportage abschließend. Die Antwort ist eindeutig: Abgeklärtheit, Ruhe, Professionalität, Sachkenntnis und … Abgeklärtheit.

FRANKFURTER RUNDSCHAU, 07.02.2017

Zwei sounding images Produktionen auf dem Golden Prague Festival 2016 ausgezeichnet

Zwei sounding images Filme haben einen Preis beim Golden Prague-Festival gewonnen. „Gozo – Eine Insel, zwei Opern“ erhielt den Preis für „Best Documentary“, die „Überlebenskünstler“ den „Vice Foundation Award“ der Dagmar und Václav Havel Foundation. Die „Überlebenskünstler“ waren außerdem auf der Shortlist des Prix d’Italia.

Die Begründung der Jury für Gozo:
A masterpiece of structure and story telling, this film shows music as the engine of social life in a small community. For treating its subject with respect, affection and humour – showing the discipline, the hard work and the unbridled joy of  friendly competition that holds an entire community together.

Die Begründung zum  „Vice Foundation Award“:
The Dagmar and Václav Havel Foundation VIZE 97 has awarded its international Prize to significant thinkers whose work exceeds the traditional framework of scientific knowledge, contributes to the understanding of science as an integral part of general culture and is concerned with unconventional ways of asking fundamental questions about cognition, being and human existence.

Kein Zickenfox – Hier dürfen nur Frauen mitspielen

66 Frauen, 21 Instrumente, unterschiedlichste Biografien und Lebensentwürfe – das ist das semi-professionelle Frauenblasorchester Berlin. Einmal in der Woche treffen sich die Musikerinnen zur Probe. Sie spielen Jazz, Pop und Klassik – in Bierzelten, Turnhallen und Konzertsälen. Astrid Graf, Musikerin mit Klarinettendiplom, hat das Ensemble ins Leben gerufen und leitet es seitdem. Der Dokumentarfilm „Kein Zickenfox“ über die Frauentruppe kommt am 17. März in die Kinos.

Ein bunter Haufen, dieses Frauenblasorchester Berlin. Da sitzt die Polizeibeamtin neben der Rechtsanwältin, die Lesbe neben der alleinerziehenden Mutter, die Ossie neben der Wessie. Und alle wollen sie Musik machen: „Ich kann mich da ausleben. Mit dem was ich fühle, wie ich denke, wie ich bin. Ich bin manchmal mehr Mensch in der Musik, als ich das sonst bin“, sagt Astrid Graf, die Dirigentin. Und ist selbst ein bisschen erstaunt darüber, was sie da sagt. Doch das ist das Geheimnis ihrer Truppe: gelebtes  Miteinander, aus Spaß an der Freude, ohne große Worte. Frauen, die alle ihr Leben haben – und die diesem Leben mit der Musik noch eins draufsetzen. Egal, aus welchem Grund.

Schlaglichtartig erschließt sich in diesem Film der Kosmos seiner Protagonistinnen. Pointierte, rasch hintereinander geschnittene Statements machen uns mit den Musikerinnen bekannt. Und wechseln sich ab mit liebevollen, gemächlichen Portraits: die Biobäuerin bei der Arbeit auf dem Feld; die Pfarrerin im Ruhestand, die ihr reiches Leben resümiert. Und Margrit, die Posaunistin, die nach schwerer Krankheit – zumindest für kurze Zeit – ins Orchester, in ihre musikalische Heimat zurückkehrt. Ihr ist der Film gewidmet.

Kein Kommentar aus dem Off macht sich während dieser 70 Minuten wichtig; die Geschichte erklärt sich selbst. Für die Stimmung, für Melancholie und Witz sorgen die Frauen – und die Kamera. Sie verharrt, als sich zu Beginn der wöchentlichen Probe alle einstimmen, auf der Schlagzeugerin, die ungerührt eine Stulle verdrückt – sie hat ja noch nichts zu tun und ist in einem Blasorchester zweifellos privilegiert: „Schlagzeug spielen ist eigentlich optimal“, freut sie sich. „Du kannst Luft holen, wann du willst, du kannst dabei essen und du kannst Lippenstift tragen.“

„Kein Zickenfox“ – der Film erzählt auch vom täglichen Kampf um Anerkennung. Und davon, wie schwierig es ist, in ein „demokratisch“ geführtes Orchester so was wie „Zug“ reinzubringen. Und er erzählt mit unglaublicher Leichtigkeit davon, wie schön es ist, wenn ganz unterschiedlichen Menschen mit Musik was Gemeinsames – und was Besonderes – gelingt. „Musik hat mir auch immer geholfen, empfindlich zu bleiben fürs Leben“, sagt eine der Musikerinnen. „Sensibel zu bleiben für all das, was um mich herum passiert.“

BR KLASSIK, 16.03.2016

Kein Zickenfox

Einmal pro Woche treffen in Berlin-Kreuzberg 66 Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 70, ihre 21 Instrumente und die unterschiedlichsten weiblichen Biografien und Lebensentwürfe aufeinander. Ihr Ziel: gemeinsam musizieren.

Der Film, Gewinner von bislang fünf Publikumspreisen, zeigt, wie dieses außergewöhnliche Ensemble auch die Privatleben der Beteiligten bereichert und wie es 66 ganz „normale“ Frauen schaffen, etwas Großartiges gemeinsam auf die Bühne zu stellen.

Eine Produktion in Zusammenarbeit mit dem Frauenblasorchester Berlin, das seit 2003 unter der Leitung von Astrid Graf musiziert. Es gab Auftritte in Bierzelten, Gärten und auch in der Philharmonie Berlin. Von Jazz über Pop zu Klassik, das Orchester ist neugierig und probiert alles mal aus, Hauptsache die Freude an der Musik bleibt nicht auf der Strecke.

D 2014, Regie: Dagmar Jäger & Kerstin Polte
Frauenblasochester Berlin

Hannah Arendt – Eigenständig denken war ihr Lebensmotto

Donald Trump ist der Elefant im politischen Porzellanladen Amerikas, Europa steht in der Flüchtlingskrise vor einer Zerreißprobe, weltweite religiöse und kulturelle Konflikte bestimmen die Schlagzeilen – was hätte Hannah Arendt dazu gesagt?

Frau Brocke, als Hannah Arendts Großnichte verfolgten Sie 1961 an ihrer Seite den Eichmann-Prozess. Heute, mehr als vierzig Jahren nach dem Tod ihrer Großtante, fragt eine Fernsehdokumentation nach der Aktualität ihres Denkens. Wo greifen die Gedanken Hannah Arendts in Ihrem Alltag besonders?

Dass Hannahs Sicht auf die Dinge auch noch so lange nach ihrem Tod wahrgenommen werden würde, konnte keiner ahnen. Oft haben meine Eltern, meine Schwester und ich uns gefragt, was Hannah zu diesem und jenem gesagt hätte. Wir wissen es ja nicht, aber es ist vor allem ihre Art zu fragen, die vielen in Erinnerung blieb. Im Falle der Ukraine, zum Beispiel: Inwieweit ist dort der Totalitarismus überwunden? Hat es dort überhaupt eine Befreiung aus den totalitären Strukturen und Gesinnung gegeben? Auch hinsichtlich dessen, wie Systeme funktionieren, hatte Hannah einen erhellenden Aspekt beigetragen, zum Beispiel durch ihre Einschätzung Adolf Eichmanns als „Hans Wurst“. In weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft hatte man allerdings ihren Prozess-Bericht damals – in unterschiedlicher Weise – kritisiert. Und auch ich hatte anfänglich Probleme, Hannahs Sichtweise hier in Gänze zu verstehen.

Das war Hannah Arendt immer das Wichtigste, das Verstehen. Wann setzte es bei Ihnen ein, im Blick auf den Eichmann-Bericht?

Als ich viel später in Essen die Leitung der Begegnungsstätte „Alte Synagoge“ übernahm, einer städtischen Einrichtung, begann ich zu verstehen, was es bedeutet, in eine Hierarchie eingebunden zu sein und Menschen zu begegnen, die primär darauf bedacht sind, die eigene Beförderung anzustreben, eine Unterordnung zu bevorzugen, anstatt über das eigene Tun nachzudenken. Eichmann hat ja wirklich niemanden getötet. Aber das beflissentliche Organisieren der Züge „in den Tod“ hat bei ihm kein Nachdenken hervorgerufen. Ansatzpunkte, um unsere Neugier zu befriedigen – „Was hätte Hannah hierzu gesagt?“ –, gibt und gab es zahlreiche. Aber sicher ist es immer primär unsere Phantasie, die uns sagt, was sie gedacht haben könnte. Da sich die Situation in der Welt gewaltig verändert hat, wird es zunehmend schwieriger, dieser Phantasie freien Lauf zu gewähren und zu rätseln, was Hannah zu den Ereignissen in Köln oder zum Wahlkampf in den Vereinigten Staaten oder zu Trump im Besonderen gesagt hätte.

Zu Donald Trump vermutlich nichts mehr. Wen würde sie wohl wählen?

Nein, da wäre wahrscheinlich auch ihr nicht mehr viel eingefallen. Dabei ist es in der Tat schwer zu sagen, wen Hannah wählen würde. Da sie immer die Demokraten gewählt hatte, bin ich ziemlich sicher, dass sie auch dieses Mal diese Partei wählen würde, auch wenn sie vermutlich weder von Clinton noch von Sanders besonders überzeugt wäre. Als ich sie einst fragte, wen sie wählen würde, bekam ich eine merkwürdige Antwort: „AbN“. Das sei doch keine Partei, fragte ich zurück, und Hannah lachte fröhlich: Anything but Nixon!

Und Köln? Man kann sich nur schwer vorstellen, dass man keinen Artikel von ihr dazu in den Tageszeitungen gefunden hätte.

Es stimmt, das hätte sie sehr bestürzt und wütend gemacht. Dabei war Hannah gewiss keine Feministin, zumindest nicht nach den heutigen Begriffen, aber sie war eine sehr bewusste Frau. Sie hätte vor allem das Versagen des Staates und seiner Ordnungskräfte kritisiert. Und auch über den weiteren Verlauf des Diskurses wäre sie wohl enttäuscht gewesen, denn für sie war gemeinsames Handeln immer wichtig.

Der Staat hätte in Hannah Arendts Augen in seiner Pflicht des gemeinsamen Handelns gefehlt? Aber welches Gefühl kommuniziert man einer mitunter ziemlich besorgten Bevölkerung?

Auf keinen Fall Mitleid! Das wäre Hannah sehr wichtig gewesen: Mitleid darf ihrer Meinung nach deshalb bei politischen Entscheidungen keine Rolle spielen, weil in der Politik eine rationale Grundlage für Entscheidungen unverzichtbar ist. Natürlich ist das kein Widerspruch zu Empathie, die durchaus zuweilen auch ein Hintergrund für eine rationale Entscheidung sein kann, aber realpolitische Probleme fordern realpolitische Lösungen. Mitleid im Sinne, wie Hannah es auch begriffen hat, ist Mitleiden. Exemplarisch für diese Unterscheidung ist Friedrich Nietzsches Leiden an jenem Gefühl des Mitleidens.

Als er in Turin einem Pferd, das geschlagen wurde, weinend um den Hals fiel…

… weil er am Leid des Pferdes Anteil hatte.

Im Bändchen „Ich will verstehen“ berichtet Hannah Arendt, wie sie ihren jüdischen Religionslehrer aus dem Konzept bringen wollte. Sie stand im Unterricht auf und sagte: „Ich glaube nicht an Gott.“ Der Lehrer antwortete gelassen: „Wer hat das von dir verlangt?“ Wie würde Ihre Großtante Ihrer Ansicht nach wohl über religiöse Konflikte heute denken?

Das hat mit ihrem Jüdisch-Sein zu tun, weil es im Judentum weder die Erwartung, noch einen Zwang „zum Glauben“ gibt. Das hat der Lehrer ihr wunderschön vermittelt. Zugleich gehörte zu diesem jüdischen Hintergrund, dass ihr Gerechtigkeit besonders wichtig war, insbesondere dann, wenn es um Rechtsstaatlichkeit ging. Es geht um eine Übereinkunft von Werten, an denen die Mitglieder des Gemeinwesens gemeinsam festhalten wollen.

Wie sieht in Ihren Augen die heutige Pflicht zum Ungehorsam aus, wenn man an Hannah Arendts berühmtes „Denken ohne Geländer“ denkt? Wo tut Ungehorsam Not?

Ungehorsam gegen wen? Gegen was? Ich weiß auch nicht, ob es so etwas wie eine „Pflicht“ zum Ungehorsam geben kann. Hannah hätte das fehlende Einhalten rechtsstaatlicher Grundsätze sowohl in der Bundesrepublik als auch in der EU beklagt. Was für Hannah grundsätzlich negativ konnotierte war, war Mitläufertum, aber Widerstand befürwortete sie nur dort, wo Recht überschritten oder missachtet wurde. Eigenständig denken und dafür einstehen, das war ihr Lebensmotto. Hannah hat immer gesagt, was sie dachte, und gedacht, was sie sagte.

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Edna Brocke wurde 1943 in Jerusalem geboren und lebt seit 1968 in Deutschland. Die Judaistin gehört zu den Herausgebern der Zeitschrift „Kirche und Israel“ und leitete bis 2011 die Begegnungsstätte „Alte Synagoge – Haus jüdischer Kultur“ in Essen.

Die Dokumentation Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam läuft heute, Mittwoch, um 21.55 Uhr auf Arte.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 09.03.2016

Kein Zickenfox – Der Film über das Frauenblasorchester feiert Premiere

Am 17.03. kommt „Kein Zickenfox“, der Dokumentarfilm über das Frauenblasorchester Berlin (FBOB), ins Kino. SIEGESSÄULE-Autorin Uta Zorn sprach mit den Filmemacherinnen Dagmar Jäger und Kerstin Polte
16.03. – „Kein Zickenfox“ ist ein Dokumentarfilm über das Frauenblasorchester Berlin (FBOB). Kamerafrau Dagmar Jäger stolperte quasi über das Orchester im Humboldthain bei der Fête de la Musique, und Regisseurin Kerstin Polte sagte sofort „ja, lass uns drehen“, als sie bei einer Probe zu Gast war. SIEGESSÄULE-Autorin Uta Zorn traf die Filmemacherinnen auf der Berlinale und sprach mit ihnen über die Dreharbeiten und den Kinostart am 17. März

Wie war euer „erstes Mal“ mit dem Orchester und was hat euch besonders angezogen?
Dagmar: Die Frauen. Ich habe diese Musik gehört und hab gesagt, da muss ich hin. Was ist das denn, das hört sich so schön an und so energievoll. Dann stand ich da in diesem traumhaften Licht, nur Frauen und die Musik dazu und dachte gleich, dazu muss man einen Film machen. Eine Flötistin im roten Kleid mit schwarzen Punkten, so ganz leicht und dann Steph, die Tubistin, mit ihrer Zimmermannshose – was für ein Potpourri!
Kerstin: Ich hatte nur davon gehört und da ich ja nun mal Frauen generell sehr anziehend im Leben finde und dann erst 66 (lacht) – das musste ich sehen. Ich habe dann in dieser Probe gestanden, es war ein Gewusel, ein unglaubliches Chaos und ich habe wirklich gedacht, wie soll man daraus einen Film machen? Es ist total geil, es berührt mich zutiefst, sofort, aber wo kann hier eine Struktur rein? Als Filmemacherin denkt man sofort, das muss auch alles einen Anfang und ein Ende haben, und eine Mitte – Struktur, Dramaturgie.

Hattet ihr ein Drehbuch?
Dagmar: Kerstin hat in der Regel Drehbücher, die man dann irgendwo in die Ecke schmeißt. Und dann kommt sie mit Zetteln an. Da steht bis auf den letzten Zipfel irgendwo was geschrieben, das ist dann ungefähr das Drehbuch. „Heute machen wir das“, und meistens habe ich dann gesagt: „Okay, dann stell ich die Kamera heute dahin.“ Mit anderen Worten, es gab kein Drehbuch. Aber die große Idee war schon da, wir wollten die Frauen erzählen lassen.

Wie habt ihr es geschafft, 160 Stunden nach über drei Jahren Dreh auf 70 Minuten zu schneiden?
Kerstin: Ich bin ja auch gelernte Cutterin, und genauso wie beim Drehen lass ich mich immer davon leiten, was berührt mich und was berührt mich nicht. Also erst mal gucken, was ist überhaupt stark, was ist da an Szenen, an Momenten. Klar, und danach muss man natürlich was aufschreiben, da entsteht das Drehbuch dann. Wir wollten immer einen Film machen, wo man nachher rausgeht und sagt, jetzt hätte ich noch gern 10 Minuten und jetzt muss ich den noch mal angucken, weil – da vorne das interessiert mich.

Ihr habt die Frauen mehrere Jahre begleitet, wir groß war euer Budget?
Dagmar: Wir hatten genau Nullkommanull – eigentlich hatten wir Schulden.

Ihr kommt in dem Film den Frauen unheimlich nah. Wie habt ihr das geschafft?
Kerstin: Ein paar Monate nach Drehbeginn sind wir mit auf Tournee gegangen. Ab da war es einfach so, dass wir gar nicht mehr von außen was getan haben, sondern immer ein Teil des Ganzen waren, wir mit den Frauen verschmolzen sind. Wir waren wie Notenständer. Die haben uns gar nicht mehr so richtig wahrgenommen, wir haben halt dazugehört.

Täusche ich mich, oder ist „Kein Zickenfox“ auch eine Hommage an Berlin?
Kerstin: Für mich ist manchmal noch zu wenig Berlin drin. Ehrlich gesagt, diese Frauen, so wie sie da sind, finde ich, gibt’s auch nur hier, und deswegen ist das auch die Stadt, in der ich lebe und in die ich immer wieder gezogen bin.
Dagmar: Ich weiß auch nicht, was du da in Zürich wolltest.
Kerstin: Ich auch nicht. Geld verdienen, hat aber auch nicht geklappt.
Dagmar: Wir lieben Berlin.
Kerstin: … und dieser Film spielt hier, und das ist integraler Herzbestandteil dieses Films.

Es hat einige Zeit  gedauert, bis der Film in die Kinos kommt, weil sich die Klärung der Musikrechte hingezogen hat. Wie geht es nach dem Kinostart weiter und klingelt es dann in der Kasse?
Kerstin: Die DVD kommt vier bis acht Wochen nach dem Kinostart. Der rbb zeigt den Film auch noch einmal im Sommer im TV, weil es ein Frühling/Sommerfilm ist. Der macht Spaß in der Zeit. Und wenn es im Kino gut läuft, glaube ich schon, dass der eine oder andere Sender ihn auch noch mal zeigt. Nein, wir kriegen nichts. Die Einnahmen gehen alle an den Verleiher, der hat auch unheimlich viele Kosten und die Kinobetreiber bekommen ja auch etwas. Kino-Dokumentarfilm ist ein absolutes Verlustgeschäft, auch für die Verleiher. Deswegen bin ich auch so froh, dass Darling Berlin und das Entscheider-Gremium einstimmig gesagt haben „diesen Film möchten wir“.

Kein Zickenfox – Beschwingt durchs Leben

Musikdokus handeln häufig von berühmten Interpreten oder außergewöhnlichen Begabungen. Kein Zickenfox erzählt von einfachen Musikerinnen nebenan. Ein Alleinstellungsmerkmal haben freilich auch sie: Sie spielen im einzigen Frauenblasorchester der Welt.

Einmal in der Woche ist der Probenraum in Berlin-Kreuzberg zum Bersten gefüllt. Den 66 Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 70 ist das einerlei. Was alle verbindet – egal ob Studentin, Polizistin, Diplombibliothekarin, Lebensmittelchemikerin oder Bauingenieurin –, ist die Liebe zur Musik. Und die überträgt sich schnell auf ihr Publikum.

Für ihren Dokumentarfilm Kein Zickenfox haben Kerstin Polte und Dagmar Jäger das Frauenblasorchester Berlin begleitet. Dirigentin Astrid Graf hat es 2003 ins Leben gerufen. Der Andrang war von Anfang an riesig. Die Kamera ist bei den Proben, bei Auftritten in der bayerischen Provinz und in der Berliner Philharmonie dabei. Vor grauem Hintergrund verraten die Musikerinnen Alter, Beruf und Instrument, geben eine kleine Kostprobe ihres Könnens und mit einem Augenzwinkern zu, dass die Diskussionen bei einem reinen Frauenorchester gern mal etwas länger dauern. Im Kern handelt Kein Zickenfox aber von Lebensentwürfen. Und so zeigen Polte und Jäger ein gutes Dutzend Frauen auch im Privaten, wie sie leben und arbeiten, wen sie lieben, was sie denken und fühlen; erzählen von späten Coming-outs, alternativen und ganz gewöhnlichen Werdegängen.

Was auffällt, ist die positive Energie, die vom gemeinsamen Musizieren in den Alltag und wieder zurück strömt. Da ist etwa Irmgard, die noch im Rentenalter mit dem Saxofonspielen begonnen hat, da ihr eigentliches Instrument, das Waldhorn, in ihren Ohren viel zu doof klingt. Ihrem Appell, seinen Zielen zu folgen, solange man noch könne, folgte auch Trompeterin Gisela jederzeit. Von einem Leben nach dem Tod oder von Wiedergeburt will die pensionierte Pfarrerin nichts wissen. Für sie ist jedes Leben so einzigartig, dass es sich einfach nicht lohne, seine Pläne für ein mögliches nächstes aufzuschieben. Und da ist die – mittlerweile verstorbene – Posaunistin Margrit, die nach ihrer Krebserkrankung die Energie des Orchesters vermisst, so schnell wie möglich zurückdrängt und sich selbst mit amputierten Fingern nicht vom Spielen abbringen lässt.

Mit einer knappen Laufzeit von gerade einmal 69 Minuten kratzt Kein Zickenfox freilich nur an der Oberfläche. Dennoch bietet der Film ein Kaleidoskop starker Frauen. Ein Ausflug nach Bayern führt dem Publikum amüsant vor Augen, warum ein emanzipiertes Leben manchmal eben doch besser in Berlin als in der Provinz glückt. Und wenn die Zuschauer in der Berliner Philharmonie zur orchestralen Interpretation von Miriam Makebas Pata Pata auf ihren Sitzen wippen, ist das Kinopublikum schon lange von der Musik, ihren Interpretinnen und von diesem kleinen Feelgood-Dokumentarfilm eingenommen.

(Falk Straub)

Alles außer Humtata

Bettina mag ihr Tenorsaxophon, „weil es nicht so ordentlich ist wie die anderen Instrumente“, und sie liebt ihre Frau Maria mit der Bass- klarinette. Sabine an der Trompete wiederum flirtet gern mit Bianca an der Querflöte, und die Piccoloflöten-Spielerin zieht es zur Frau an den Percussions. Auch Horn und Sopransaxophon harmonieren sehr gut, wird berichtet. Im einzigen Frauenblasorchester der Welt ist es egal, ob Lesbe oder heterosexuelle Frau, Lehrerin oder Polizistin: die Liebe zur Musik eint sie alle. Jede Woche treffen sich die 66 Laien- musikerinnen zwischen 19 und 74 Jahren, um gemeinsam zu musizieren.

Im September 2003 nahm alles seinen Anfang, als eine Schülerin von Astrid Graf die Idee hatte, ein Frauenorchester zu gründen. Also wurden Anzeigen geschaltet, um Musikerinnen zu finden, ein Probe- raum gesucht, und schon bald trafen sich die ersten 40 Frauen und starteten das Projekt. Ein halbes Jahr später wurde der Verein Frauen- blasorchester Berlin e.V. gegründet mit dem Zweck, Blasmusik zu pflegen, und Nachwuchs, das Zusammenspiel von Laienmusikerinnen sowie die Präsenz von Frauen in der Musik zu fördern. Im Verein sind inzwischen gut 100 Musikerinnen organisiert, der Mitgliedsbeitrag staffelt sich einkommensabhängig. Mittlerweile gibt es sogar ein zweites Orchester namens „Holz und Blech“, liebevoll auch als erstes Kammerblasorchester Berlins bezeichnet. Natürlich verändert sich die Besetzung des Orchesters immer mal wieder, neue Frauen werden aufgenommen, andere verabschiedet. „Zurzeit gibt es Vakanzen am Blech, also an Trompete, Posaune und Tuba, aber auch eine fort- geschrittene Frau am E-Bass würden wir gern in unseren Reihen begrüßen“, bemerkt Astrid Graf, Dirigentin und musikalische Leiterin des Frauenblasorchester Berlin (FBOB). Geprobt wird einmal wöchentlich und in zusätzlichen Registerproben für Blech und Flöte, also in separaten Stimmproben ohne die komplette Aufstellung. Das Laienorchester finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden sowie den Einnahmen aus Konzerten und CD-Verkäufen.

Musik für Kopf und Herz

L-MAG war zu Gast bei einer Probe – ob sich wohl ein Frauenblas- orchester musikalisch von anderen Blasorchestern unterscheidet? Astrid beantwortet das so: „Wir spielen Filmmusik, Jazz, Latin, Klassik und sinfonische Blasmusik. Um traditionelle Blasmusik wie Märsche und Polkas, also Humtata, machen wir einen Bogen. Oft werden wir gefragt, ob wir als reines Frauenorchester anders klingen als gemischte Orchester. Ich lasse dann unser Publikum für uns sprechen. Und sie finden, unser Klang sei feiner und nuancierter. Unsere Musik spricht Kopf und Herz an!“ Astrid ist diplomierte Klarinettistin, hat bereits in Köln erste Erfahrungen als Dirigentin gesammelt und treibt ihr Berliner Orchester seit dem ersten Tag zu Höchstleistungen. Sie arrangiert Stücke passend für jede Einzelne und kümmert sich um jedes Detail bei Proben und Auftritten. Sie greift aber auch schon mal hart durch, wenn es bei der Probe mal wieder zu laut wird oder jemand an der Stulle knabbert. Ist der Vor- hang geöffnet, steht Astrid im kurzen Jäckchen oder im langen Frack auf dem Podest und taucht in ihr Orchester ein.

„Um traditionelle Blasmusik wie Märsche und Polkas machen wir einen Bogen“

Sie dirigiert, hüpft die Einsätze. Die Orchesterfrauen, bis in die Haar- spitzen konzentriert, werden zu einem klanggewaltigen Ganzen. Jedes Jahr treten sie ungefähr viermal auf und spielen ein Benefiz- konzert. Bereits zweimal waren sie in der Berliner Philharmonie zu bestaunen, und zum 10-jährigen Jubiläum wurde die erste Auftrags- komposition präsentiert, ermöglicht durch Crowdfunding. Die Berliner Komponistin Susanne Stelzenbach schrieb für das Orchester das Stück „Luftspiel“, das 2015 im Sendesaal des Rundfunks Berlin Branden- burg (RBB) uraufgeführt wurde. Das Orchester und seine Dirigentin haben sich in den Jahren weiterentwickelt: „Ich bin mit dem Orchester gewachsen, menschlich und musikalisch. Ich denke, man muss immer Ideen und Träume haben, wo es hingeht und dann nicht aufhören. Und dieses Orchester ist mein Herzblut.“

Vom Konzertsaal auf die Kinoleinwand

Dem besonderen Sound, den diese Frauen ihren Instrumenten ent- locken, konnte sich auch die Kamerafrau Dagmar Jäger nicht ent- ziehen, als sie zufällig vor einigen Jahren dem FBOB begegnete. Angezogen von stimmungsvollem Jazz und der schwungvollen Energie, begleitete sie mit ihrer Filmpartnerin und Regisseurin Kerstin Polte das Orchester über zwei Jahre. Es entstand ein filmisches Orchesterporträt der besonderen Art. Ab 17. März ist dieser nun in mehreren deutschen Städten auch auf der Kinoleinwand zu sehen. Der Film „Kein Zickenfox“, produziert von Claus Wischmann („Kinshasa Symphonie“), ist bereits auf mehreren Festivals gelaufen und hat einige Auszeichnungen erhalten: bei den „Lesbisch Schwulen Filmtagen“ in Hamburg sowie beim internationalen Filmfestival „Pink Apple“ in Zürich den Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm. Und auch in Bremen, Hannover und Freiburg war das Publikum begeistert und belohnte das mit einem Preis.

Treffen sich die Töne von Horn, Trompete, Posaune und Tuba, ist es gewöhnliche Blasmusik. Arrangiert man Saxophone, Flöten, Klarinetten und Schlagzeug dazu und gibt all das 66 Frauen in die Hand, ist das nicht nur das einzige Frauenblasorchester weltweit, sondern ein Klang der ganz besonderen Art.

„Kein Zickenfox“, Dokumentarfilm, Regie: Dagmar Jäger, Kerstin Polte, Kinostart: 17. 3. Previews: 22.2. Cinema Münster, 2.3. Monopol München, 8. 3. Moviemento Berlin, 16. 3. Kinopremiere mit anschließendem Konzert Urania Berlin.

Königin der Nacht putzt Toiletten – „Überlebenskünstler“

Die Arte-Dokumentation „Überlebenskünstler“ erzählt von Musikern, die sich in einem Zweitjob verdingen, um über die Runden zu kommen.

Sie leben zwei Leben. Den Job brauchen sie fürs Geld, die Musik für ihr Seelenheil. Abends geben sie Konzerte, tags räumen sie den Dreck anderer Leute weg. Der sehenswerte Dokfilm „Überlebenskünstler“ stellt leidenschaftliche Musiker vor, die in Würde ihrer Zweitarbeit nachgehen.

Roman Krasnovsky spielt auf Orgeln in London, Paris oder New York. In seiner Heimat Israel sind Organisten nicht gefragt. In den Synagogen gibt es keine Orgeln. Roman arbeitet als Müllmann, steht früh um vier auf. „Ich habe dauernd Schmerzen in den Händen“, sagt er. „Während der Arbeit denke ich an Musik, nicht an den Müll.“ Er tritt bei Hauskonzerten und in Kirchen auf und kann sich nichts Schöneres denken.

Melina Paschalidou studierte in Griechenland Gesang, lebt seit zwei Jahren in Berlin, nimmt privaten Unterricht und möchte Opernsängerin werden. Für diesen Traum arbeitet sie vierzig Stunden in der Woche als Hausmädchen, putzt Wohnungen, säubert Toiletten. „Diese Arbeit ist wirklich nicht die beste, aber so ist das Leben.“ Bei einer Agentur bewirbt sie sich mit der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“. Die Sopranistin setzt sich eine Frist; wenn sich bis dahin ihr Traum nicht erfüllt, kehrt sie zu Mann und Familie nach Griechenland zurück.

Andrej Kulischko ist Oboist der Staatlichen Philharmonie in Kiew. Von der Gage können er und seine Familie nicht leben. Er betreibt nebenher eine Autowerkstatt, arbeitet täglich bis zu 16 Stunden. „Durch den Krieg in der Ostukraine ist alles teurer geworden“, sagt er. Aber ins Ausland geht er nicht. Die Musik schenkt ihm Zuversicht und Kraft. „Das Leben meiner Kinder will ich in einem wolkenlosen Himmel sehen, ohne Krieg.“

Ein Pendeln zwischen OP und Konzertsaal führt der Bonner Arzt Ulrich Kolk. Regelmäßig tritt er mit dem Kontrabass in Amateur- und Berufsorchestern auf. Der Herzspezialist kann von seinem Gehalt leben, doch ohne das Spiel auf dem Instrument kann er sich das Dasein nicht vorstellen: „Musik räumt die Seele auf.“

szonline.de, 20.02.2016

Wittener Wischmann zeigt Film „Lebenskünstler“

„Lebenskünstler“, der neue Fim des Witteners Claus Wischmann, läuft am 21. 2. auf Arte. Er zeigt Musiker, die nebenbei von Zweitjobs leben müssen.

Krasser könnten die Gegensätze kaum sein: Die virtuosen Töne einer Orgel am Abend und das fiese Knirschen einer Müllpresse am Morgen. Die liebliche Stimme einer Opernsängerin und das Rauschen einer Wasserspülung an der frisch geputzten Toilette. Oder die tief-zarten Klänge einer Oboe auf der Bühne und das Kreischen eines Schleifeisens in der Werkstatt.

Der aus Witten stammende Regisseur Claus Wischmann hat sich mit Menschen beschäftigt, deren Leben von solchen Gegensätzen geprägt ist. Am morgigen Sonntag (21. 2.) läuft um 23.45 Uhr „Überlebenskünstler“ auf Arte.

„In dieser Geschichte geht es um professionelle klassische Musiker, die mit großer Leidenschaft und Können ihrer Kunst nachgehen und die dennoch nebenher arbeiten müssen“, beschreibt Wischmann seinen Film. Gemeinsam mit einem Co-Autor begleitete der 49-Jährige Wahlberliner Musiker, die abends umjubelt auf der Bühne stehen und tagsüber als Hausdame Hotelzimmer putzen, als Automechaniker schrauben und als Müllmann Tonnen leeren. „Meine Befürchtung vorab war, dass der Film ziemlich traurig werden könnte“, verrät Wischmann. „Aber letztendlich hat er doch eine sehr positive Stimmung bekommen. Die Künstler sind eigentlich recht zufrieden und im Reinen mit der Lösung, die sie gefunden haben.“

Regisseur Wischmann lebt heute in Berlin und hat über 40 Filme gedreht

Bis zu seinem 19. Lebensjahr lebte Claus Wischmann in Herbede. An der Hardenstein-Schule hat er sein Abitur gemacht. Nach verschiedenen Zwischenstationen entschied er sich Ende der 90er Jahre für die Hauptstadt. Dort gründete der Wittener 2007 mit einigen Partner die Produktionsfirmen „Sounding Images“ und „Fernsehbüro“. Inzwischen kann Wischmann als Autor und Regisseur auf über 40 Dokumentationen, Reportagen, Konzertaufzeichnungen und Porträts zurückblicken, die vor allem auf Arte, im ZDF aber auch im Kino liefen.

Auch Claus Wischmann selbst hat eine besondere Beziehung zur Musik und kann sich daher in die Akteure einfühlen: Bevor er den Weg als Medienschaffender einschlug, arbeitete er einige Jahre als Profi-Pianist. „Ich weiß, was das bedeutet“, sagt er. „Üben, üben, üben. Jeden Tag viele Stunden. Da hätte ich gar keinen anderen Job machen können.“ Irgendwann brach er mit dem praktizierenden Musikertum. So wie viele in Deutschland lebende Berufsmusiker: „In Deutschland macht man es voll und ganz – und wenn es finanziell nicht mehr geht, hört man ganz damit auf“, sagt er. Doppelgleisigkeit sei eher heikel für die Karriere.

Claus Wischmann ist noch oft in Witten, weil hier seine besten Freunde leben

Deswegen sei es sehr schwierig gewesen, hier Musiker zu dem Thema zu finden. Also spielt der Film jetzt in der Ukraine, in Israel aber auch in Deutschland. Er begleitet zum Beispiel die Sopranistin Melina Paschalidou, die nach ihrer Gesangsausbildung in Griechenland nach Berlin kam, um an ihrer Karriere zu feilen. Bis sich ihr Traum von einem festen Engagement erfüllt, muss sie ihrem Konto Geld, das sie als Zimmermädchen verdient, zufüttern.

Auch wenn Claus Wischmann für seine Filme in der Welt zu Hause ist, kehrt er regelmäßig nach Witten zurück. „Ich bin gerne da, meine besten Freunde leben nach wie vor an der Ruhr“, sagt er. „Das ist einfach Heimat und die Menschen sind mir vertraut.“

WAZ.de, 19.02.2016

Leute, benehmt euch wie die Deutschen! – „#My Escape – Meine Flucht“ im WDR

Das Drastische sind nicht einmal die Aufnahmen von den Bombeneinschlägen, die Feuerwalzen und Rauchsäulen, an so etwas hat man sich ja durch die Fernsehnachrichten schon fast gewöhnt.

Das Drastische sind die Aufnahmen aus dem Alltag im Vorkriegs-Damaskus: Geburtstagsfeiern mit Torte und Kerzen, junge Männer mit Pferdeschwänzen und E-Gitarren auf der Bühne eines Hardrock-Konzerts, Menschen, deren Leben sich kaum von dem in Mitteleuropa unterschied, und die der Krieg nun nach Mitteleuropa vertreibt.

Ende Dezember ging es los, sechs Wochen später war der Film fertig

Die Aufnahmen sind Teil einer 90-minütigen Dokumentation mit Geschichten von Flüchtlingen, die es nach Deutschland geschafft haben, produziert vom WDR in Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle und der Firma Berlin Producers.

Bitte nicht schon wieder Flüchtlingsschicksale, mag man zunächst denken, sind die Medien doch seit Monaten randvoll mit ähnlichen Geschichten. Aber diese sind anders, sie basieren auf Fotos und Handy-Videos, die Syrer, Afghanen und Eritreer mitgebracht haben: verwackelte Filme, unscharfe Bilder, schwarze Nachtaufnahmen, die nur akustisch zu deuten sind.

#My Escape – Meine Flucht liegt eine, buchstäblich, naheliegende Idee zugrunde. „Wir sind in Flüchtlingsheime gegangen und haben die Menschen dort gefragt, ob sie Videomaterial zu ihrer Flucht haben“, erzählt WDR-Redakteurin Jutta Krug. „Die Flüchtlinge waren sofort dabei und zeigten uns ihre Handyfilme.“

Material hätten sie mehr als genug gehabt, „das Problem war eher, eine Dramaturgie hinzukriegen“. Es sollte kein Sammelsurium herauskommen, also beschränkte man sich auf wenige Schicksale, aber mit „großem erzählerischen Bogen“. Schnell sollte es gehen, denn „wer weiß, wie lange solche Aufnahmen aufgehoben werden“. Ende Dezember ging’s los, nun, sechs Wochen später, ist die Doku bereits fertig, „mit heißer Nadel gestrickt“, so Krug, aber vielleicht genau deshalb sehenswert.

Humor trotz harten Fluchtalltags

Es sind Aufnahmen, die den Fluchtalltag in all seiner schlichten, harten Realität zeigen, die, weil sie nichts dramatisieren, umso mehr wirken. Heimlich gefilmte Schleuser in Izmir, die seelenruhig und mit kaufmännischer Akribie einen Dollarstapel nach dem anderen durch ihre Zählmaschinen jagen. Geld, das die Familien der Flüchtlinge über Monate, manchmal über Jahre zusammengekratzt haben.

Aufnahmen aus Transportern mit eingepferchten Menschen, die sich an den Deckenverschalungen festkrallen, Szenen aus überfüllten Schlauchbooten. Man muss diese Menschen bewundern: für ihren Mut, auch unter Lebensgefahr zu filmen, aber auch dafür, selbst in prekären Situationen ihren Humor zu bewahren: „Schaut mal, selbst die Kuh ist gekommen, um uns zu begrüßen“, ruft einer in sein Handy, als er eine Weide in Mazedonien passiert. Und ein anderer meint nach der Ankunft in Passau: „Leute, lauft nicht auf der Hauptstraße! Benehmt euch wie die Deutschen!“

Es gibt ähnliche Ideen für andere Perspektiven, Refugee TV etwa, ein Webprojekt, das drei Salzburger Filmemacher 2015 starteten: Flüchtlinge erkunden mit der Kamera den deutschen und österreichischen Alltag, gehen auf Weihnachtsmärkte, befragen Passanten. So etwas verändert Sichtweisen. „Wir wussten nicht, wohin der Zug fährt“, erzählt ein junger Syrer in #My Escape. „Dann sagte jemand: Willkommen in Österreich. Auf Arabisch! Das war der schönste Moment auf der ganzen Reise. Nirgendwo zuvor hatte jemand Willkommen gesagt.“

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 05.02.2016

#MyEscape: Handyvideos von Flüchtlingen werden zum Film

Wie erleben Flüchtlinge den gefährlichen Weg nach Europa? Was widerfährt ihnen auf dem Meer, in der Wüste oder auf der Straße? Der Film „#MyEscape“ zeigt genau das – anhand von Handyvideos.

Die ersten Schritte des Kindes oder eine spielende Katze – Handyvideos machen wir von vielen Dingen. Anhand solcher Clips ist nun ein Dokumentarfilm entstanden. Der Inhalt ist allerdings deutlich brisanter: „#MyEscape“ erzählt die Geschichte von Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa. Aufgenommen mit ihren Handys. Der WDR zeigt den Film am Mittwoch (10.2.) um 22.55 Uhr.

„Für die meisten von ihnen ist das Mobiltelefon ein unverzichtbares Mittel zur Organisation ihrer Flucht“, erklären die Produzenten Deutsche Welle, WDR und Berlin Producers. „Gleichzeitig transportieren sie damit Erinnerungen an das Zurückgelassene und dokumentieren Fluchtstationen.“ Die Aufnahmen bleiben nicht unkommentiert – die Flüchtlinge äußern sich dazu auch in Interviews.
„Ich wollte einen Teil dieses Leids filmen“

Einer von ihnen ist Hambar Al Issa. Der syrische Mediziner flüchtete von Damaskus bis nach Berlin. Seine Ankunft in Deutschland hielt er mit Selfies fest – etwa vorm Reichstag oder dem Brandenburger Tor.

Aber was bewegte ihn, das Mobiltelefon während der beschwerlichen und riskanten Flucht zu zücken? „Ich wollte einen Teil dieses Leids filmen“, erzählt der junge Mann, der am 24. September in Berlin ankam. „Vielleicht hilft es ja, eine Botschaft an die Menschen in Deutschland zu senden, dass wir auch Menschen sind.“

Das Material zu dem 90 Minuten langen Film sammelten die Produzenten in sozialen Medien wie Youtube. Nach eigenen Angaben gingen sie aber auch direkt in Flüchtlingsunterkünfte, um nach Material zu fragen. „Wir wollen ein Verständnis vermitteln und eine Empathie erzeugen für das, was die Menschen auf der Flucht erlebt haben“, erklärt Jutta Krug, die beim WDR für Dokumentarfilme zuständig ist. „Eine größere Nähe und Authentizität ist, glaube ich, nicht zu erreichen.“

Filme auf Basis von Handyvideos sind kein Neuland mehr. Ein Beispiel ist der Kinofilm „Life in a Day“, der mithilfe von Youtube-Clips dokumentiert, was weltweit an einem einzigen Tag passierte. In dem Fall ist das der 24. Juli 2010. Aktueller ist „Alaaf You“, der den Karneval in Köln mit solchen Videos zeigt.
Aufnahmen aus dem Inneren eines Benzintanks

Bei „#MyEscape“ fühlt sich der Zuschauer aufgrund der Perspektive tatsächlich so, als sei er selbst dabei. Sogar die letzte Falafel in der Heimat und die Verhandlungen mit Schleusern sind dokumentiert. Während der gefährlichen Überfahrt in einem völlig überfüllten Schlauchboot spritzt Wasser umher. Oder die Kamera wackelt bei einer rasend schnellen Fahrt durch die Wüste. Bewegend sind auch die Aufnahmen aus dem Inneren eines Benzintanks in einem Bus, in dem ein Mann mit seinem Neffen flüchtete.

Viele hätten die Aufnahmen für die Daheimgebliebenen gemacht, um ihnen von der Flucht zu berichten, erzählt Regisseurin Elke Sasse. Der Großteil habe aber das Ziel gehabt, die Bilder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen – und Aufklärung zu leisten.
Mehr als 70.000 Flüchtlinge erreichten Berlin

Allein im vergangenen Jahr kam rund eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Mehr als 70.000 erreichten Berlin. Doch nicht alle Menschen, die den gefährlichen Weg auf sich nehmen, kommen ans Ziel. „Die Flucht ist um einiges schwieriger geworden“, betont Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor der Organisation Human Rights Watch. Der Januar sei bisher der Tödlichste für Flüchtlinge in der Passage in der Ägäis gewesen, die auch im Film zu sehen ist.

Hambar Al Issa kam über die Balkanroute aus Syrien nach Deutschland. Seinen Beruf als Arzt darf er hier zwar nicht ausüben. Er möchte sich hier aber weiterqualifizieren, wie er erzählt. Ein Ehepaar hat ihn bei sich aufgenommen. Grund genug für eine Fortsetzung? Das wäre durchaus denkbar, sagt Jutta Krug vom WDR. Vielleicht unter dem Titel „#MyGermany“.

BERLINER ZEITUNG, 04.02.2016

#MyEscape

Wie dieser Film die Willkommenskultur verändern kann

Die Flüchtlingsfrage ist Thema in so vielen in Zeitungen, Fernsehsendungen und Talkshows. Manchmal hilft es, die Situation aus anderen Augen zu betrachten.

Das neue Jahr liegt noch in den Federn und zieht sich die Decke über den Kopf. So richtig aufgewacht ist es noch nicht. Während sich der Januar den Sand aus den Augen reibt, überschlagen sich die Ereignisse in der Flüchtlingsfrage. Fast stündlich werden neue Beschlüsse ausdiskutiert und der eine erklärt dem anderen Politiker, wie er sich zu verhalten hat.

Die Nachrichtenmenge und alle verschiedenen Meinungen und Positionen sind so überwältigend, dass man selbst nicht mehr so richtig weiß, was man glauben soll. Die Ereignisse ziehen an uns vorüber und Bilder von Flüchtlingsheimen und Aufnahmestellen lösen schon lange kein schockiertes Gesicht mehr aus. Das alles ist Teil unserer Welt und unserer Umgebung geworden. Und das wird sich so schnell nicht ändern. Was sich verändert, ist der deutsche Tenor, wenn es um die Flüchtlingsfrage geht – und hier will das Filmprojekt #myescape etwas verändern. Aus offenen werden verschränkte Arme und aus „diese Menschen haben ein Recht hier zu sein“ wird „aber die Wirtschaftsflüchtlinge haben hier nichts zu suchen“. Auch wenn immer noch viele Menschen ihre Türen und Herzen für die Geflüchteten öffnen, droht die Stimmung zu kippen.

Mit Filmmaterial gegen die Hetzer

„Vielleicht werden die Menschen daran erinnert, dass es Gründe gibt, warum diese Menschen flüchten“, sagt Sophie Elmenthaler im Gespräch mit ZEITjUNG. Sophie ist Redakteurin für das Filmprojekt #myescape. Die Masse der Medien eröffnet uns unzählige Wege, sich der Flüchtlingsfrage anzunähern. Zeitungen, Onlinemagazine, die sozialen Netzwerke, die Tagesschau oder Erzählungen aus dem Bekanntenkreis. Die meisten Berichterstattungen schauen auf die Situation herab und sprechen über das, was passiert. Vor allem zahlenbasiert. Der Film #myescape geht einen anderen Weg. Er bietet die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln. Gibt dem Thema Gesichter. Zusammengesetzt aus den Handyvideos geflüchteter Personen, schafft das Filmprojekt etwas, was selbst seriöse Medien oft nicht mehr bewältigen können. Man vertraut dem, was man sieht. Weil die Menschen aus Afghanistan, Eritrea und Syrien es genau so erleben.

Es sind nicht die Kameramänner der großen TV-Kanäle, die sich nach getaner Arbeit entlang der Flüchtlingsrouten ins Bett legen und die Augen schließen. Die Bilder entstehen, weil die Realität exakt so aussieht. „Wir rekonstruieren die Flucht von Menschen aus Afghanistan, Eritrea und Syrien. Dafür setzten wir Handyvideos oder selbst gedrehte Videos so zusammen, sodass die verschiedenen Stationen der Flüchtlinge erkennbar werden. Es ist Ziel des Filmes, aus den Augen der Flüchtlinge zu zeigen, wie sie die Flucht erleben“, erklärt Sophie.

Den Kontakt zu den Protagonisten stellen die Filmemacher auf ganz verschieden Weise her. Durch die Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle, aber auch durch eigene Kontakte können viele Menschen ausgemacht werden, die ihre Flucht selbst dokumentiert haben. Aber auch die sozialen Netzwerke helfen dem Team rund um Regisseurin Elke Sasse und Produzent Stefan Pannen bei der Umsetzung: „Schon relativ zu Beginn des Projektes haben wir eine mehrsprachige Facebookseite eingerichtet, über die wir viel Rückmeldung bekommen haben. Einige dieser Menschen haben wir dann auch eingeladen und mit ihnen Interviews geführt.“ Die Interviews sind Teil des Filmes geworden, denn sie bieten den Protagonisten eine Möglichkeit, ihre Aufnahmen zu kommentieren. Ein Teil des Filmmaterials ist verwackelt oder nicht ganz scharf, erzählt Sophie. „Es sind eben alles keine professionellen Kameramänner und ab und zu ist die Qualität nicht ganz so gut.“ Wenn man sich den Inhalt der Handyvideos vor Augen führt, ist aber sofort klar, warum viele der Filmmacher nicht immer eine ruhige Hand bewahren konnten.

Es sind Situationen einer Flucht, an Grenzübergängen, Polizei-Absperrungen und Busbahnhöfen. Aber auch illegale Stationen auf dem langen Weg nach Europa werden von den Protagonisten mitgeschnitten. „Wir haben auch viel Material bekommen, bei dem man erst mal schlucken muss. Wir mussten ein paar Videos weglassen, weil das einfach zu krass gewesen wäre“, macht Sophie deutlich.

„Es ist eine neue Situation für uns alle“

Rama Jamarkani kennt die Gefühle und Gedanken dieser Menschen. Beim Film #myescape wirkt sie im Redaktionsteam mit. Die Journalistin stammt aus Syrien und arbeitete in Damaskus an einer eigenen TV-Produktion, die dann aber von der Regierung geschlossen wurde. Anders als die Menschen im Film konnte Rama aber mit einem Visum nach Deutschland gelangen. Bei der Umsetzung von #myescape war sie für die Sichtung und die Übersetzung des Filmmaterials zuständig. „Als ich das Material gesehen habe, konnte ich mit jedem Augenblick mehr nachvollziehen, warum diese Menschen geflüchtet sind. Wer so eine Reise auf sich nimmt, hat einen guten Grund gehabt zu gehen“, sagt sie gegenüber ZEITjUNG. Genau das ist auch die Intention des Filmes: Zu zeigen, dass jede dieser Personen, nicht zum Spaß an die schwarz-rot-gold gefärbte Türe klopft.

“Es sind alles Menschen, jeder hat seine eigene Geschichte und Träume, die im eigenen Land zerstört wurden. Sie sind hier, um ihr Recht auf Leben wahrzunehmen“, macht Rama deutlich. Aber vielleicht ist es eine andere Aussage, die uns zu denken geben sollte: „Ich glaube nicht, dass die Flüchtlinge in kurzer Zeit zurück in ihre Heimat gehen werden. Der Film ist eine gute Möglichkeit, uns anzunähern und uns kennenzulernen. Es ist eine neue Situation für uns alle und wir müssen lernen, damit umzugehen.“ #myescape wird am 10.2 im WDR Fernsehen und am 13. und 20.2. im Programm der Deutschen Welle zu sehen sein und hoffentlich auch das erreichen, wofür er gemacht wurde: Den Zweiflern hier in Deutschland die Geschichten und Beweggründe der geflüchteten Menschen näherzubringen und mitzuhelfen, dass aus verschlossenen, wieder geöffnete Arme werden.

ZEITJUNG, 01.02.2016

Grenzgänger

Steinlein und Brock geben sich in der Dokumentation neugierig, volksnah und sportlich. (…) Das Format ist unterhaltsam und kurzweilig – und gerade für Zuschauer aus dem deutsch-französischen Grenzgebiet liegt ein Reiz darin, bekannte Orte – gesehen durch andere Augen – neu zu entdecken.

Abwechslungsreich gestaltet sich die Reise auch durch das Zusammentreffen von Steinlein und Brock mit sehr verschiedenen Menschen – ob das der Holzbildhauer Thomas Rees im Schwarzwald ist, der Gastronom Erich Briel aus Ihringen, ob das die Minenentschärfer von Colmar sind oder Rennradfahrer auf der Vogesenkammstraße. Nicht zuletzt weckt „Grenzgänger“ durch prächtige Panorama- und Detailbilder die Sehnsucht nach dem derzeit noch fernen Sommer – die schönste Jahreszeit fürs Entdecken des deutsch-französischen Grenzgebietes.

BADISCHE ZEITUNG, 23.2.2015

Worldwide Berlin

Berlin, wa?
Berlin gibt es mehr als 100 Mal auf der Welt – wahlweise mit Tausenden Kokospalmen, einem ruhigen Leben unter Lamas oder der Möglichkeit, auf Skiern in die Disco zu flitzen. Eine Webdokumentation lädt zur kuriosen Entdeckungsreise.
Von Irene HelmesWenn der Student Criville in den Ferien seine Familie in Berlin besucht, freut er sich besonders auf die Entspannung, die Spaziergänge zwischen Palmen am weißen Strand, auf den traditionellen Kokosfisch. Willkommen in Papua-Neuguinea!

Tausende Kilometer entfernt im frostigen Kanada gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert ein West- und ein Ost-Berlin. Vom Mauerbau haben sie sich ebenso wenig aus der Ruhe bringen lassen wie von der Wende. Sie sind, von der Weltöffentlichkeit unbemerkt, bis heute Heimat von Hummerfischern und Bärenjägern. Ganz in der Nähe liegt übrigens Liverpool.

Mehr als 100 Orte mit dem Namen Berlin sind über den Globus verstreut. Mithilfe der aufwendigen Webdokumentation „Worldwide Berlin“ sollen alle gefunden und porträtiert werden. Anfang Januar startete bei RBB und Deutscher Welle eine Fernsehreihe (hier geht es zum Stream). Nun sollen Nutzer das Projekt immer weiter vorantreiben. Denn es ist eine Suche mit weißen Flecken und offenem Ende. Noch ist nicht einmal abschließend geklärt, wie viele Berlins es überhaupt gibt.

„Man denkt, man hat mit Google Earth die ganze Welt, aber nein!“, sagt Projektleitern Elke Sasse. Angefangen hat alles mit einem Zufallsfund: Ein Foto im Netz zeigte ein Berlin mit Strand und Palmen. Sasses Team der Produktionsfirma „Berlin Producers“ wurde neugierig und stöberte weiter. In einer vermeintlich bis in den letzten Winkel vermessenen Welt folgte eine zweijährige Schnitzeljagd aus der Ferne und vor Ort, die manchmal extrem mühsam war.

In Argentinien etwa wurde ein Mitarbeiter nach dreitägiger Irrfahrt zu zwei verlassenen Häusern gelotst. Ob auch das Berlin war? „Wir wissen es nicht genau, man konnte ja niemanden fragen.“ In anderen Fällen hatte das Team mehr Glück. Aus Peru etwa meldete sich eine hilfsbereite Frau und fotografierte ein Berlin, das nur über Wasser erreichbar ist.

Elf erfolgreiche Reisen von Kamerateams sind bislang auf www.worldwideberlin.com zu sehen. Die Videos stellen die Einheimischen in den Vordergrund, dokumentieren ihren Alltag, wie sie arbeiten, was sie essen, welche Pläne sie für ihre Zukunft haben. Alle sind Berliner, und könnten doch kaum unterschiedlicher leben.

Seine Stadt sei erfreulicherweise ganz ohne Gangster, sehr ruhig und herzlich, schwärmt Tuktuk-Fahrer Mario in El Salvador. Seine Pendants in Ohio sind tiefgläubige Amish, und an der russisch-kasachischen Grenze flitzt der Schüler Aleksej auf Skiern über die zugeschneite Hauptstraße zur Dorfdisco oder dem einzigen Lebensmittelladen.

Im bolivianischen Centro-Berlin stellen Lamas den größten Teil der Bewohner. Menschliche Einwohner gibt es zehn. „Das Schönste hier in Berlin ist der Ort, die Landschaft, die Weite“, erklärt einer der zehn menschlichen Bewohner lakonisch.

„Worldwide Berlin“ zeigt seine Protagonisten mit viel Sympathie und Humor, doch ohne zu suggerieren, dass überall eitel Sonnenschein herrscht. Nach Sasses Eindruck haben die Bewohner aber eines gemeinsam: „Sie träumen sich nicht weg, sondern sie träumen alle ein bisschen für ihr Berlin.“

Wie es zu all den kleineren und größeren Ablegern kommt? Wie bei den vielen Roms und Amsterdams dieser Welt steckt dahinter meist eine Auswanderergeschichte. Doch es ist auch Kurioseres zu hören. Im einsamen Centro-Berlin konkurrieren gleich zwei Anekdoten. Demnach musste einst ein Flugzeug mit Insassen aus Berlin in der bolivianischen Ebene notlanden – das erste, das die Einheimischen je sahen. Für sie ein Zeichen des Himmels und einen neuen Dorfnamen wert. Die zweite Version besagt, Namenspatron sei ein deutscher Tourist, der 1949 wegen eines platten Fahrradreifens im Dorf übernachtete. Es muss eine unvergessliche Nacht gewesen sein.

Unterdessen geht die globale Spurensuche mit Schneeballeffekt weiter. „Wir bekommen inzwischen von überall Nachrichten“, sagt Sasse. Sie ist vor allem von den Fotos begeistert, die Berliner und Berlin-Kenner auch direkt in den „Community Stream“ der interaktiven Weltkarte laden können. Der Berlin-Besuche-Rekord liegt, soweit Sasse weiß, derzeit übrigens bei einem deutschen Hauptstädter, der schon mehr als 40 Geschwisterorte besucht hat. Doch wie wir sehen: Es ist genug Berlin für alle da.

Süddeutsche.de, 14.01.2015

Worldwide Berlin

„Immer wieder gelingt es den Reportern, unterwegs komische Momente einzufangen, etwa, wenn nach den Vorstellungen über den großen Namensgeber Berlin gefragt wird oder wenn die fernen Berliner gebeten werden, ihre Version vom Gassenhauer von der „Berliner Luft” aufzuführen. Der Tankstellenwart in Ohio greift zur Gitarre, der Musiklehrer in Russland zum Akkordeon, in Guinea wird unter Bäumen gesungen und in der Höhe Boliviens eine sehr expressive, freejazzige Version Berliner Luft durch eine Holzflöte geblasen. Unaufdringlich, fast nebenbei, werden bestimmte Bereiche der sieben Berlins miteinander verglichen, etwa das Essen, die Traditionen – und die Prägung des Ortsnamens.“BERLINER ZEITUNG, 6.1.2015VIA TWITTER

@usbotschaft
MT @WorldWideBerlin: Würdet ihr euer Berlin für einen Tag tauschen?? Was ist dein Lieblingsberlin? Ow.ly/GU47N #WWBerlin

Jan Wolframm @jottweeh
@WorldWideBerlin Danke für diesen grandiosen Fernweh-Fernseh-Weltenbummler-Heimat-Abend. #wwberlin

Evi @handballevi49
@WorldWideBerlin dafür reichen nicht 140 Zeichen, sorry

Warnemünde @wmnde
@Worldwide Warnemünde (www) hätte auch was. Aber wir sind wohl einmalig 😉 @WorldWideBerlin #wwberlin

Beth Pomponiio @BethPomponio
We like to meet and eat at the Berlin Diner, Berlin, New Jersey, USA.
#wwberlin @WorldWideBerlin

Daniel Nauck @danielnauck
@WorldWideBerlin congrats to another awesome berlin project
#wwberlin #berlinfolgen

J.David @shagyruco
@WorldWideBerlin saludos desde El Cerro la Cruz en Berlin El Salvador

Biene8922 @biene8922
Reicht da auch eine ABC-Fahrkarte?;) #WorldWideBerlin @WorldWideBerlin

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Auswärtiges Amt @Auswärtiges Amt
Mehr als 100 Berlins weltweit Film v @WorldwideBerlin heute ab 20.15 bei worldwideberlin.com, @DW (bit.ly/1Dq8F19)+@rbbFernsehen

Christian Soult @ChristianSoult
Ein Hoch auf die dritten Programme! @rbbFernsehen hat 20.15 +22.45 die Doku @WorldWideBerlin, @ndr 22h einen unbekannten Heinz-Erhardt-Film

Goethe-Institut MTL @Gl_Montreal
A place called #Berlin in Canada? Check the videos @WorldWideBerlin and the documentary livestreaming! Worldwideberlin.com #wwberlin

VIA FACEBOOK

Axel Lehnig
7. Januar 00:45
Hallo! Das war eine sehr schöne Doku über Berlin’s dieser Welt im Rbb Fernsehen! Ich war mit meiner Freundin am 3 Januar diesen Jahres in Börlin und wollte euch ein paar schöne Bilder hinterlassen  vlt. könnt ihr sie ja einbauen in eurer Website, ging leider nicht auf direkten Weg.Mfg Axel aus Südbrandenburg

Ste Geist
7. Januar um 00:28
Lieben Dank für die tolle Doku heute Abend im RBB. Tolles Projekt! Sehr liebevoll gemacht. Einfach toll.
Danke!

Martin Schmidt
7. Januar um 00:02
Eine Super Sendung. Die Serie könnte ruhig fortgesetzt werden! 🙂

Regine Gerlach
6. Januar um 23:23
Was für interessante, tolle Berlin-Geschichten! Bin total begeistert!

Stewe Profen
6. Januar um 21:53
Der erste Teil war super nett/süß/sympatisch. Den zweiten müssen wir wohl streamen (der kommt zu spät:(

Wem gehört die Stadt? Wenn das Geld den Menschen verdrängt

„Im Unterschied zu den zahllosen 45-Minütern, die zum Thema Gentrifizierung, Mietenwahnsinn und Immobilienboom in den vergangenen Jahren gedreht wurden, kann sich „Wem gehört die Stadt“ Zeit lassen und mehr machen, als bloß die Gier der Investoren und die Machtlosigkeit der Mieter zu skandalisieren. Die Dokumentation ist konventionell in der Machart, aber sehr hartnäckig und liebevoll, was die Schauplätze und Protagonisten angeht – und so entsteht eine Art Sittenbild Berlins zur Mitte des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. (…) Zum Ende des Films unterliegt das freundliche Altmieter-Pärchen. Es hatte gegen die angekündigte Modernisierung geklagt und verloren. Das Modernisierungsanliegen sei „berechtigt“, heißt es im Urteil. „Wir werden alle umdenken müssen“, resümieren die beiden, „dass man eben, wenn man eine Wohnung hat, kein sicheres Zuhause hat“. Das bittere Fazit einer sehenswerten Dokumentation.“

SPIEGEL ONLINE

„Kristian Kähler und Andreas Wilcke sind zu betroffenen Mietern gegangen und haben bei den erfolgreichsten Investoren über die Schulter gesehen. (…) „Es gibt kein sicheres Zuhause mehr“, bringt eine von Räumung bedrohte Kreuzbergerin die Lage der „kleinen Leute“ auf den Punkt. Dagegen weiß auch der frühere Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz, keinen Rat. Dass auf diese Weise der soziale Friede gefährdet wird, daran lässt dieser Film keinen Zweifel.

DER TAGESSPIEGEL

„Die Stärke der Dokuoffenbart sich bereits nach rund der Hälfte ihrer anderthalb Stunden
Gesamtlänge: Es sind eben nicht allein, wie in der allgemeinen Hysterie
um das Dauerbrennpunkt-Thema Mieterverdrängung in Großstädten gern
behauptet, irgendwelche anonymen Immobilienfonds, sondern auf der
anderen Seite ist es eben auch eine Klientel, die sich vom Mantra »Rein
in den Privatbesitz an Wohneigentum« hat anstecken lassen, aber
eigentlich mit Spekulation nichts zu tun hat, obwohl sie diese kräftig
mit anheizt.

Die Filmemacher Kristian Kähler und Andreas Wilcke kommentieren die
Verwerfungen auf dem Wohnungsmarkt nicht, es reicht völlig aus, die
wachsende Kluft nüchtern darzustellen, um zu zeigen, dass Berlin gerade
dabei ist, im negativen Sinn ein zweites Rom, Paris oder London zu
werden.

(…)

Fast nebenbei erfährt der Zuschauer, wie es zu dieser Entwicklung kam.
Kähler und Wilcke streuen wiederholt Szenen aus dem Berliner Leben ein.
Was im ersten Moment an schmuckes Beiwerk erinnert, liefert den
Hintergrund zu dieser stadtsoziologischen Betrachtung. Nach spätestens
der dritten Sequenz voll mit Kneipen, Cafés und jungen Menschen dürfte
auch dem letzten Zuschauer klar sein, dass die gezielte Etablierung
Berlins als kosmopolitischer Schmelztiegel Segen wie auch Fluch für die
Stadt bedeutet.“

NEUES DEUTSCHLAND

„Das Plus dieser Reportage ist, dass alle Seiten zu Wort kommen und dass die Autoren gegenüber den Immobilienmaklern und –käufern nicht gleich in einen anklagenden Ton verfallen. Die Zusammenfassungen werden dem Stadtsoziologen Andrej Holm überlassen, dessen prägnante Kommentare ganz ohne Demonstrations-Parolen und Makler-Prosa auskommen. (…) Der turbulente Verkauf einer unsanierten Altbausanierung zeigt (…), dass sich nicht nur fremde Investoren vom Run auf das „Betongold“ haben anstecken lassen: Die jüngeren Kaufwilligen aus der Mittelschicht, oft Familien mit Kindern, preisen sich gegenüber den Verkäufern wie auf einem Casting an und überbieten sich immer weiter. Einige kaufen schließlich teure Neubauwohnungen, für die Andrej Holm den schönen Begriff „gestapelte Vorstadtidylle“ gefunden hat.“

BERLINER ZEITUNG

„Die Preise steigen stetig, doch die Rate bezahlbaren Wohnraums sinkt. Am Beispiel von Berlin zeigt der Dokumentarfilm „Wem gehört die Stadt?“ wie sich „Betongold“-Investitionen und Luxussanierungen auf gewachsene Stadtgefüge auswirken.“

NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG

„Zu Wort kommen Makler, Käufer von Neubauwohnungen, von Verdrängungsprozessen betroffene Mieter sowie politische Aktivisten und immer wieder mal der Stadtforscher Andrej Holm. Der abstrakte Begriff „Wohnungsmarkt“ wird durch diese kleinen Geschichten ein bisschen greifbarer gemacht. Man ahnt zwar, welchen Akteuren Wilcke und Kähler etwas näherstehen, das ist aber bei den dokumentierten Schweinereien, unter denen manche finanzschwachen Mieter zu leiden haben, auch verständlich. Aber: Die Autoren führen niemanden vor, verbreiten keine Ressentiments und lassen die Zuschauer entscheiden, welche Schlussfolgerungen sie aus dem Gesehenen ziehen.“

DIE TAGESZEITUNG

Karneval! Wir sind positiv bekloppt

„Den ersten Szenenapplaus gab es schon, da war der Film noch gar nicht richtig gestartet. Eine Bildcollage aus dem Rosenmontagszug wird von Johann Strauss’ „Frühlingsstimmen“ untermalt. Die Komposition der Bilder mit der klassischen Musik ist atemberaubend. Bei den rund 300 geladenen Gästen, darunter viele Experten aus Karnevalsgesellschaften, sorgte sie für Gänsehaut, die sich direkt in begeistertem Applaus Bahn brach.
(…)
Der 90-minütige Film erzählt, wie viel Blut, Schweiß und Tränen das närrische Treiben das ganze Jahr über kostet. (…)  Claus Wischmanns Film macht unheimlich Lust auf die tollen Tagen. Dass dieses Kunststück ausgerechnet einem gebürtigen Westfalen gelingt, macht die Stärke der Dokumentation aus. Frei von peinlicher Kölschtümelei oder bräsiger Selbstverliebtheit wirft Wischmann, einen neutralen, leicht distanzierten Blick auf das karnevalistische Treiben.
Und trotzdem ist der Streifen voller Sympathie für seine Protagonisten und den kölschen Fastelovend. Ein purer, wahrhafter und ergreifender Blick auf ein ganzes Jahr und eine ganze Stadt im Zeichen des Karnevals.“

KÖLNISCHE RUNDSCHAU, 21.11.2013 zu: „Wir sind positiv bekloppt“

„Claus Wischmann dürfte mit seinem Film so manchen ‚Ausländer‘ animieren, die ‚tollsten Tage‘ des Jahres mal in Köln zu verbringen.“
FILMECHO

„Gewährt kurz vor Beginn der Session am 11.11. einen Blick hinter die Kulissen – und in die Kölsche Seele.“
ARD Nachtmagazin
Bericht zum Film mit Premierenstimmung am 30.10. : http://www.tagesschau.de/kultur/karneval-doku-101.html
 
„Vermittelt viel von der Stimmung und jede Menge Emotionen“
ARD Brisant http://www.mdr.de/brisant/video231980.html

„Macht unheimlich Lust auf die Tollen Tage. Dass dieses Kunststück ausgerechnet einem gebürtigen Westfalen gelingt, macht die Stärke der Dokumentation aus. Frei von peinlicher Kölschtümelei oder bräsiger Selbstverliebtheit…Ein purer, wahrhafter und ergreifender Blick auf ein ganzes Jahr und eine ganze Stadt im Zeichen des Karnevals.“
Kölnische Rundschau

„Zum Lachen, Weinen, macht Sentimental und weckt Erinnerungen – ganz wie der Karneval selbst.“
koeln.de
http://www.koeln.de/koeln/karneval-wir-sind-positiv-bekloppt_863004.html

WDR3 „Kultur am Nachmittag“
Beitrag mit Interview Claus Wischmann vom 2.11.
http://www.wdr3.de/programm/sendungen/wdr3kulturamsonntag/index.html

WDR WestArt Magazin
Bericht zum Film mit Interview Claus Wischmann am 4.11.
http://www1.wdr.de/fernsehen/kultur/west-art-magazin/sendungen/karnevalfilm102.html

„Macht unheimlich Lust auf die Tollen Tage. Dass dieses Kunststück ausgerechnet einem gebürtigen Westfalen gelingt, macht die Stärke der Dokumentation aus. Frei von peinlicher Kölschtümelei oder bräsiger Selbstverliebtheit…Ein purer, wahrhafter und ergreifender Blick auf ein ganzes Jahr und eine ganze Stadt im Zeichen des Karnevals.“

KÖLNISCHE RUNDSCHAU

Einr Produktion von sounding images Köln

Die Ahnen der Queen

Die Arte-Doku (…) präsentiert ihr Thema überraschend anschaulich, spannend und informativ zugleich. Im Mittelpunkt steht Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha, der als verarmter Adel 1790 in Coburg geboren wird und als König der Belgier sterben wird. Dann sitzt seine Familie auf Thronen in England, Spanien, Portugal und anderswo. Präsentiert wird diese überaus spannende Lebensgeschichte im Wesentlichen von einer einzigen Person: Martin Rother ist zugleich Schauspieler und Reporter.

Er schlüpft für Spielszenen in Kostüme, besucht Archive, reist durch Europa, trifft sich mit derer zu Sachsen-Coburg. Ständig ist er in Bewegung, befragt die Experten beim Besichtigen von Herrschaftshäusern, beim Durchblättern von Briefen. Dadurch kommt trotz vieler Informationen nie Langeweile auf, und man weiß am Ende sogar, wer den Weihnachtsbaum nach England brachte.

Neue Osnabrücker Zeitung

De Gaulle & Adenauer: Eine deutsch-französische Freundschaft

Es ist vielen Zeitgenossen vielleicht nicht mehr bewusst, weil inzwischen alles glatt geht. Aber ein wirkliches, seinerzeit an ein Wunder grenzendes politisches Ereignis war die Aussöhnung mit Frankreich unter Adenauer. Kein zwischenstaatliches Verhältnis bei uns (schon gar nicht das mit England), war so affektbesetzt, so aufgeladen mit Groll und Hass, aber eben auch mit gegenseitiger Bewunderung, ja mit dem Wunsch, vom jeweils anderen geliebt zu werden, wie das zu Frankreich.

Versailles 1871 und 1919, Compiègne 1918 und 1940, Verdun und der Ruhrkampf: mag ja alles sein. Mag alles wehgetan haben. Aber der gebildete Deutsche, der kultivierte Franzose wusste immer: „Wir sind die beiden Flügel des Abendlandes. Wer den einen behindert, lähmt den Flug des anderen.“ So steht es in Romain Rollands epochalem Roman „Jean Christophe“ von 1912, und so bleibt es. Auch wenn wir uns in der Zwischenzeit an andere Partner rangemacht haben: Seelengeschichtlich bleibt Frankreich für Deutschland die Nummer 1.

Ein willkommener Anlass, an diese unumstößliche Tatsache wieder einmal zu erinnern, ist das 50-jährige Jubiläum des sogenannten Elysée-Vertrags, der seit 1963 eine „entente cordiale“ zwischen den beiden ehemaligen „Erbfeinden“ vorsieht. Der Fernsehfilm von Werner Biermann und Kristian Kähler verbindet die Erinnerung an das historische Vertragswerk mit dem anschaulich und elegant ins Erzählerische aufgelösten Hinweis darauf, dass dies so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht möglich gewesen wäre, wenn es diese beiden Herren nicht geben hätte: Konrad Adenauer, der 1933 sauber geblieben war, sowie den General de Gaulle. Der hatte es meisterhaft verstanden, die französische Niederlage von 1940, gleichsam in letzter Sekunde, im August 1944 in einen Sieg zu verwandeln. Auch war er der einzige Franzose, der in den Augen seiner Landsleute (als Militär) legitimiert war, die Aussöhnung mit einer Nation voranzutreiben, unter deren Besatzung Frankreich vier Jahre lang erheblich zu leiden gehabt hatte.

Der Fernsehfilm spricht damit zwei Wahrheiten aus, die heutzutage viele politisch korrekte Gemüter ergrimmen werden (umso besser!). Erstens: Politik machen heißt auch, sich über „Stimmungen“ in der Bevölkerung kühn hinwegzusetzen. Vor allem aber: Männer machen eben doch Geschichte. Zumindest, wenn sie danach sind.

Und das waren diese beiden. Biermann/Kähler zeichnen sehr schön den Beginn einer großen Freundschaft nach, die im Sommer 1958 ihren Anfang nahm – als eine, wie die De-Gaulle-Biografin Frédérique Néau-Dufour hier schwärmerisch verkündet, „Liebe auf den ersten Blick“. Das hatte mitnichten etwas Erotisches, zumal die beiden Herren, die sich da ganz privat auf dem lothringischen Landsitz des Generals zum ersten Mal begegneten, zwei durchaus ältere Semester waren (de Gaulle zählte 68 Lenze, Adenauer 82). Aber eine Art geistige Liebe muss es eben doch gewesen sein, vor allem von Seiten des Generals, der nun offenbar endlich einen Deutschen gefunden hatte, den er in die Arme schließen konnte. Einen Deutschen, der, wie er, im katholischen Glauben und im bürgerlichen Geschichtsgefühl des 19. Jahrhunderts fest verwurzelt war. Welche Erleichterung nach all den Proleten, Barbaren und Vatermörder tragenden Lakaienseelen, mit denen es seine Generation bis dato zu tun gehabt hatte! Und so konnte denn der General den Deutschen 1962 jenes Geschenk machen, das sie mit so dankbarer Erschütterung erfüllte wie später nur noch Kennedys (freilich salopperes) „Ich bin ein Berliner“. Der General sprach: „Sie sind ein großes, jawohl ein großes Volk!“ Er sagte es, in eine komplizierte Nebensatzkonstruktion eingebunden, auf Deutsch.

Die Welt, 19.01.2013

Kampf um den Vatikan

Nur wenig dringt aus dem Vatikan nach außen. Umso spannender ist die Arte-Doku „Kampf um den Vatikan“. Sie enthüllt, mit welch harten Bandagen um das Zweite Vatikanische Konzil gekämpft wurde. Denn viele Bischöfe widersetzten sich der längst überfälligen Modernisierung.

Die katholische Welt schaute gebannt nach Rom, als im Oktober 1962 das Zweite Vatikanische Konzil begann. Papst Johannes XXIII. wollte damit die Kirche der modernen Welt öffnen. Doch es wurde eine Zerreißprobe daraus.

Denn unter den 2450 Bischöfen aus aller Welt waren viele, die sich der längst überfälligen Modernisierung widersetzten. Mehr als drei Jahre wurde um Macht und Wahrheit gerungen. Am Ende standen zwar Fortschritte. Zum ersten Mal erkannte die Kirche das Grundrecht auf Religionsfreiheit an und sah Andersgläubige nicht mehr als Ungläubige. Gottesdienste wurden nicht mehr ausschließlich in Latein abgehalten, Priester wandten den Gläubigen nicht mehr den Rücken zu. Aber viele Themen wie Geburtenkontrolle und Zölibat wurden bewusst ausgeblendet.

In der ausgezeichneten Dokumentation „Kampf um den Vatikan – hinter den Kulissen des Kulissen des Konzils“ (Arte, Dienstag, 20.15 Uhr) zeigen Holger Preusse und Ludwig Ring-Eifel detailliert auf, wie trickreich und mit harten Bandagen um jede Neuerung gerungen wurde. Da gab es die Traditionalisten um den französischen Kardinal Lefebvre, die jede Neuerung ablehnten. Auf der anderen Seite die Rheinische Allianz, gebildet aus deutschen, holländischen und französischen Klerikern, denen nicht entgangen war, wie sehr sich die reale Welt von der Katholischen Kirche entfernt hatte.

Der Kölner Kardinal Frings spielte darin eine wichtige Rolle. Und dann noch die machtbewusste römische Kurie, die schon vor Beginn wichtige Funktionen des Konzils mit Leuten ihrer Wahl besetzt hatte. Mit Erfolg wehrten sich die Bischöfe gegen diese Bevormundung. Der jetzige Papst Benedikt XVI., damals als junger Theologe im Beraterstab von Kardinal Frings dabei, versucht noch heute, die Risse von damals zu kitten.

Nach dem Tod des überaus populären Johannes XXIII. beendete Papst Paul VI. 1965 das Konzil. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Zeichen der Zuversicht vom Anfang des Konzils nicht mehr deutlich zu erkennen sind. Immerhin besucht knapp 20 Jahre später mit Johannes Paul II. erstmals ein Papst eine Synagoge.
WAZ

Arte-Themenabend: Die neuen Vegetarier

Der sehenswerte Arte-Themenabend beantwortet die Frage „Dürfen wir Tiere essen?“ mit einem eindeutigen Fazit: „Eigentlich nicht“.

Dürfen wir Tiere essen? Nicht zuletzt seit den literarischen Denkanstößen von Jonathan Safran Foer („Tiere essen“) und Karen Duve („Anständig essen“) ist die Frage, ob Fleischverzehr gesund ist, eng verknüpft mit jener, wie wir eigentlich unsere Mitgeschöpfe, die Tiere, behandeln. Beide Themenkomplexe verbinden die Dokumentationen eines sehenswerten Arte-Themenabends. Die Frage beantwortet sich dabei schon fast von alleine: Nein.

Die Dokumentation „Nie wieder Fleisch?“ von Jutta Pinzler führt vor Augen, dass die Zeiten, in denen Fleisch höchstens sonntags auf den Tisch kam, lange vorbei sind. Der Fleischkonsum ist weltweit drastisch angestiegen. In den vergangenen 50 Jahren hat er sich verfünffacht. Deutschland war mit acht Millionen Tonnen schon 2010 Europas größter Produzent. Während in Europa eine langsame Sättigung erreicht ist, wächst der Verbrauch in den Schwellenländern. Bis 2050 wird er sich verdoppeln, so die Prognose.

Und schon jetzt fand die Redakteurin Vertreter von Chinas neuer Wohlstandsmitte. Dreimal am Tag – und zwar jeden Tag – esse er Fleisch, sagt da ein fettleibiger Familienvater in die Kamera. Manchmal gehe er auch noch nachts an den Kühlschrank. Die Folgen zeigen sich längst in den chinesischen Metropolen: Übergewicht, einst eine Krankheit des Westens, genauso wie Gicht, Diabetes und Herzprobleme. Fleisch erhöhe signifikant das Krebsrisiko, bestätigt auch der Heidelberger Nobelpreisträger Harald zu Hausen. Das ist nicht das alleinige Übel.

Der Methanausstoß von Rindern gilt sogar als größerer Klimakiller als Kohlendioxid. Die zuhauf auf die Äcker gekippte Gülle treibt die Nitratwerte im Grundwasser in krebserregende Höhen. Fleisch ist heute billig zu haben. Den Preis dafür zahlen verarmte Bauern in der Dritten Welt, deren Äcker für die westliche Tierfutterproduktion herhalten müssen – und die Tiere.

Die Szenen, die Tierschützer mit versteckter Kamera in der industriellen Massenproduktion und Schlachthöfen eingefangen haben, sind für Hartgesottene. Lebendig am Haken zappelnde Rinder. Schafe, natürlich noch lebend, mit offen klaffenden Halswunden. Vor ihrem unwürdigen Tod führen die Tiere ein erbärmliches Leben. Hühner etwa, bewegungsunfähig gemästet und vollgestopft mit Antibiotika.

Der Film lässt Journalisten, Tierschutzaktivisten und einen Sprecher der EU-Agrarkommission zu Wort kommen. Erschreckend defensiv zieht der sich auf die starke Nachfrage zurück. Von moralischer Verantwortung keine Spur. Die Macht der Fleischlobby lässt sich da nur erahnen.

Wo hier Aufklärung dominiert, zeigt der zweite Beitrag des Themenabends „Die neuen Vegetarier“, dass es auch anders geht. Längst ist auf der Basis von Gesundheit und Nachhaltigkeit ein eigener Lebensstil entstanden. Die Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability) sind in aller Munde. Doch noch immer bilden sie mit knapp zwei Prozent eine – oft belächelte – gesellschaftliche Randgruppe.

Autor Michael Richter begleitet die vierköpfige Familie Wittmann aus Hamburg durch einen fleischlosen Selbstversuch. Und es zeigt sich, dass vegetarische Ernährung keinesfalls gleichzusetzen ist mit Askese und Genussverzicht. Das beweist etwa der Ausflug zu dem von Sternekoch Michael Hoffmann betriebenen Restaurant Margaux. In Berlins bester Innenstadtlage kreiert er wahre Genüsse – ausschließlich auf vegetarischer Basis.

Das Fazit des Abends ist ernüchternd. Weitermachen geht nicht. Schon wenn wir weniger Fleisch essen würden, wäre dem Planeten geholfen. Für Fleischliebhaber bleibt nur eine Option: zurück zum Sonntagsbraten.
Hamburger Abendblatt

Landträume

Blümchen pflücken

Weichgezeichnete Idylle, sattgrüne Bilder: Arte zeigt die zweite Staffel der „Landträume“. Eine Dokumentation von Stadtmenschen und der Liebe zur Natur.

Irgendwas scheint die Deutschen am Landleben nachhaltig zu faszinieren. Nicht unbedingt das Rackern auf dem Bauernhof hart am Existenzminium, wo man morgens um sechs Uhr einen Stall voller Kühe zu melken hat und danach auf dem Mähdrescher sitzt, bis die Sonne untergeht, oder in den Schweinekoben den Mist zusammenkratzt.

Was der moderne Großstadtmensch, der sich nach ein bisschen Heimeligkeit vorm Herdfeuer sehnt und davon träumt, seine Marmelade selbst einzukochen, sich unter Landleben eigentlich vorstellt, zeigt der Erfolg diverser Land-Medien. Zunächst der Zeitschrift LandLust und ihrer ungezählten Klone, dann auch von TV-Magazinen wie „Landlust TV“, das im Dezember im NDR anlief.

Auf Arte läuft nun bereits die zweite Staffel „Landträume“ an, eine weitere Sendereihe im Doku-Format, die wöchentlich in schönen, sattgrünen Bildern zu sanft plätschernder Hintergrundmusik das Landleben ganz gehörig romantisiert.

In der ersten Folge haben die Autoren Holger Preuße und Sabine Hanke vier Paare beim Johannisbeerenernten, Weidenzäuneflechten und Blumenumtopfen zugeschaut, darunter Guilles le Breton und seiner Frau. Er sitzt in seinem Garten und tupft an einem Ölbild herum: „In grünen Herzen der Bretagne tauscht Guilles le Breton ab und zu die Rosenschere gegen Pinsel und Ölfarbe“, kommentiert eine sanfte Sprecherinnenstimme dazu.

Überhaupt wundert man sich, wie viel Zeit das Landvolk in ihren großen Gärten für Blumenpflücken, Backen und Malen übrighat. Und wovon die Leute eigentlich leben. „Landträume“ suggeriert jedenfalls: von Salat, Johannisbeermarmelade und der Liebe zur Natur.

Wahrscheinlich haben sie im ersten Leben in der Stadt einfach nur genug Geld verdient, um nun im Alter gemütlich Beete umgraben zu können. Was ja auch hübsch anzuschauen ist.
taz

Kinshasa Symphony

Inmitten von Chaos und Armut kämpfen 200 kongolesische Frauen und Männer für ihr Symphonieorchester – egal, wie mittellos sie eigentlich sind. Mit Herzblut üben die Musiker ihre Stücke ein. Die mehrfach ausgezeichnete Doku «Kinsasha Symphony» bewegt. …

Die Regisseure Wischmann und Baer halten in eindrucksvollen und authentischen Bildern nicht nur das Engagement der kongolesischen Musiker für ihr Orchester fest. Sie halten die Kamera auch auf das ungeordnete Treiben auf den selten asphaltierten Straßen Kinshasas oder sie zeigen die schwierige Situation, eine bezahlbare und dabei auch bewohnbare Wohnung zu finden.

Die Dokumentation ist verdient mehrfach ausgezeichnet und lief unter anderem auf der Berlinale. Was am Ende von 90 Minuten bleibt:
Ein innerer tosender Applaus für die kongolesischen Musiker – aber auch ein Hauch von Melancholie.
dpa

Unter deutschen Dächern: Berlin Prenzlauer Berg

Von wegen Hipster

Nur Kinderwagen und Latte macchiato? Eine ARD-Doku beleuchtet den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg – und zeigt, dass hier alle gar nicht so cool sind, wie sie’s gerne wären.

Prenzlauer Berg ist kein Mythos, Prenzlauer Berg ist ein Missverständnis. Und das besteht darin, dass der Stadtteil immer noch als Heimat der Hipster gilt, obwohl schon längst die Generation 08/15 dem Kampf um Häuser und Straßencafés gewonnen hat. Erschreckend deutlich wird das in der neuesten Folge der RBB-Reihe „Unter deutschen Dächern“, in deren Mittelpunkt der einstmals berlinischste aller Berliner Stadtteile steht.
TAGESSPIEGEL

Mein Leben: Gloria von Thurn und Taxis

Johannes Prinz von Thurn und Taxis wählte seine Braut, so sagt sie es selbst: wegen ihres „Backgrounds“. Gloria von Thurn und Taxis, geborene Gräfin von Schönburg-Glauchau, war 1980 zarte 20, als sie der 34 Jahre „ältere Herr“ ehelichte. „Die kommt aus ’nem guten Stall, die kann man noch formen“, mutmaßt die Fürstin, längst Witwe, heute über seine Motive: „Das ist wie in der Pferdezucht. Wenn das Material gut ist, kann man viel machen mit ’nem Pferd. Wenn das Pferd nicht verritten und kaputt ist, dann kann man damit noch große Turniere gehen.“

Mein Leben – Gloria von Thurn und Taxis heißt die Arte-Doku, die nun versucht, den Werdegang der 49-Jährigen in einer Dreiviertelstunde zu erklären. Es ist – ganz gleich, was man von ihrer Pferdezüchter-Poesie oder dem beinharten Konservatismus hält – ein schöner, unterhaltsamer Film geworden.

Caroline Haertel und Mirjana Momirovic, die Autorinnen, hätten es sich leicht machen und den Weisheiten der Fürstin nachträglich einen korrekten Kommentar überstülpen können. Nach dem Motto: Lady Gaga von Schloss Emmeram. Doch der fehlt. Frau Gloria darf reden, lachen und brüllen, soviel sie will.
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Fürstin Gloria enthüllt ihre Sündenstrategie
Nach dem Sündenfall ist vor dem Sündenfall. „Es ist normal, dass man schuldig wird. Der Mensch ist schwach“, sagt Fürstin Gloria. Entwaffnend ehrlich zeigte sich die Fürstin den Filmemacherinnen Caroline Haertel und Mirjana Momirovic. Sie könne gar nicht anders, sagt ihr Sohn. Die Direktheit – die sie bekanntlich häufig in die Schlagzeilen brachte – ist ein Wesenszug. „Man bekommt immer ihre echte Meinung“, so Fürst Albert. Glorias Direktheit macht den Film so sehenswert.

Die Adelige, die im nächsten Jahr 50 Jahre alt wird, öffnete für Arte ihr privates Filmarchiv. Zu sehen sind z. B. Szenen der legendären Geburtstagsfeier, die sie zum 60. Geburtstag von Fürst Johannes ausrichtete. Damals galt sie als schrille Fürstin, nicht als knallharte Geschäftsfrau. Von Papst Benedikt ist sie 2008 zur Komturdame mit Stern des St. Gregorius-Orden ernannt worden. Bischof Gerhard Ludwig Müller übergab die Auszeichnung. Der Film zeigt, wie sie dem verblüfften Kirchenmann zum Dank ein Bussi auf die Wange drückt. „So einen bunten Vogel habt ihr im Gregorius-Orden sicher noch nicht aufgegabelt“, sagte sie. Wohl wahr.
MITTELBAYERISCHE ZEITUNG

Eine Dokumentation über eine lebenslustige, gläubige, widersprüchliche und irgendwie liebenswerte Frau.
BILD

Aufbruch im Nordmeer

arte 09.06.2008

„Mit dem Atomeisbrecher ‚Jamal‘ geht es auf eine spektakuläre Fahrt ins gar nicht mehr so ‚ewige‘ Eis. – ‚Grüne‘ Produktionen wie dieser aufwändige Dreiteiler von WDR, Arte und RBB sind auch international begehrte TV-Handelsware.“
TV TODAY

„Der Kampf um die Arktis hat begonnen. Der Kampf für die Umwelt leider noch nicht. In einer spektakulären 3-teiligen Dokumentation entlarvt arte die Profiteure des Klimawandels.“
BZ

Wer hat Angst vor Europa?

Journalistenpreis des Europäischen Parlamentes 2009

Die fernsehbüro-Produktion „Wer hat Angst vor Europa?“ ist heute mit dem Journalistenpreis des Europäischen Parlamentes ausgezeichnet worden. Parlamentspräsident Jerzy Buzek übergab die mit 5000 € dotierte Auszeichnung an den ausführenden Produzenten Stefan Pannen. „Wir freuen uns über die Auszeichnung“, sagte Pannen in Brüssel, „zumal wir den Film zu einem Zeitpunkt begonnen haben, als wir weder einen Sender noch eine Förderung dafür in Aussicht hatten.“

Die 70minütige Dokumentation von Elke Sasse und Kristian Kähler entstand im Auftrag von ZDF/arte (Redaktion: Martin Pieper) und wurde 2008 erstausgestrahlt.Polen im April 2004. Wenige Tage vor dem Beitritt Polens zur EU. In einem kleinen Dorf an der Grenze zur Ukraine bestellen die Bauern wie jeden Tag ihre Felder, führen die Kühe auf die Weide, melken. Von der neuen Zeit erwarten sie sich unterschiedlich viel:

• „Die Kleinen werden in die Taschen der Großen gesteckt“, befürchtet Zbyszek Iwanczuk, der mit seiner Mutter 12 Hektar Boden bestellt, zwei Schweine hält und Pferde, die er als Arbeitstiere benötigt.

• Viele Bauern sind ähnlich skeptisch, deshalb geht EU-Berater Wojciech Jaroszynski in diesen Tagen von Hof zu Hof, um den Leuten persönlich die Anträge für EU-Bodenzuschüsse vorbei zu bringen.

• Waldemar Wawrzyniak ist zögerlich, aber verhalten optimistisch. Er bewirtschaftet den Hof seiner Eltern und lebt selbst in der Stadt. Er hofft, dass es mit der EU vielleicht besser wird.

• Kasia und Marcin Wilgos dagegen wollen es wissen: Sie setzen alles auf eine Karte, wollen ihre alten Ställe abreißen, mit Krediten einen neuen EU-kompatiblen Stall bauen und neue holländische Turbokühe anschaffen.

Der Film begleitet die drei Bauern und den EU-Berater in den folgenden dreieinhalb Jahren: Die einen verschreiben sich mit Haut und Haar der neuen Zeit und setzen auf Modernisierung und Rationalisierung, die anderen bewirtschaften weiterhin mit dem Pferdepflug ihren Acker. Sie haben Träume – von Einfamilienhäusern, Urlaubsreisen oder ukrainischen Frauen, Hoffnungen, Wünsche. Nicht alle gehen in Erfüllung. Und Zbyszek wird am Ende tot sein.

Der Film dokumentiert exemplarisch, wie der EU-Beitritt Polens des Alltag in einem kleinen Dorf verändert und wie die große Politik in das Leben der EU-Bürger hineinwirken kann.

Ein Laden in Paris

arte, 2006

Holger Preuße und Valérie Theobaldt gewinnen mit ihrem Film „Ein Laden in Paris – Orientalische Spezialitäten Chez Heratchian“ den Hans Strothoff-Journalistenpreis 2008.

„Ein kleines Geschäft mitten in Paris, gefüllt mit Gewürzen aus aller Welt: Der Film „Ein Laden in Paris – Orientalische Spezialitäten Chez Heratchian“ hat die Jury rundum überzeugt und den 1. Platz beim Hans Strothoff-Journalistenpreis, der am 12. November 2008 in Frankfurt am Main zum ersten Mal vergeben worden ist, belegt. „In diesem TV-Beitrag schmeckt und riecht man die Bilder nahezu“, so formulierte es ntv-Moderatorin Carola Ferstl in ihrer Laudatio. „Ein kleiner Laden, seine Erfolgsgeschichte und seine Schwierigkeiten – den Autoren ist es gelungen, ein rundes Bild zu zeichnen.“ Die Preisträger Valérie Theobaldt und Holger Preuße treffen mit ihrem Film, der im Kultursender ARTE ausgestrahlt wurde, die Intention des Hans Strothoff-Journalistenpreises auf den Punkt: Mit welchen unternehmerischen Ideen und Strategien behauptet sich der inhabergeführte Fachhandel in einer globalisierten Welt.“

Schäden für die Ewigkeit

arte 17.07.2008

Ein beunruhigender, ein brisanter Film, der viele Menschen aufhorchen lassen
wird.“

WAZ

Ein Horrorszenario: Wo früher Gelsenkirchen war, ist heute ein See. Nur vereinzelt ragen noch Fördertürme aus dem Wasser, an denen Neugierige in Ausflugsbooten vorbeischippern. Per Ansage der Grund: Vor zehn Jahren wurde aus Kostengründen entschieden, die Deiche einzuebnen und die Pumpen abzustellen, die das Kohleabbaurevier lange vom Wasser freigehalten haben. So sei die heutige Seenplatte entstanden, heißt es. Mit dieser sehr realistisch wirkenden Fiktion beginnt der fulminante Dokumentarfilm „Schäden für die Ewigkeit – Was von der Kohle bleibt“

WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU

Zu Tisch – Kochreportagen aus Europa

ZDF/arte 2001-2007

Die Reisereportage eröffnet dem Zuschauer neue Horizonte – das Fremde wird
in die eigene Küche geholt.
videomarkt 7/2007

Keines der Fernseh-Formate zum boomenden Thema Essen zeichnet derzeit plastischer und zugleich müheloser ein Panorama der sozialen, ökonomischen und kulturellen Gegenwart Europas als die Arte-Reihe „Zu Tisch in …“. (…) Seit Januar 2001 brachte es der Sender auf mehr als 70 Folgen, die siebte Staffel wird gerade gedreht, und noch die achte Wiederholung schafft es am späten Sonntagnachmittag auf eine für Arte-Verhältnisse imposante Quote von mehr als 1,3 Prozent. (…)

In „Zu Tisch in …“ wird kein Zoobesuch im heilen Europa der Bauerdörfer und Ziegenhirten veranstaltet. In sorgsam inszenierten Szenen eines sentimentalischen Realismus sind die Protagonisten oft selbst Quer- oder Wiedereinsteiger, studierte Rückkehrer aus den Städten oder Kraftfahrer, die sich als Käser nützlich machen, die es auf dem Hof ihrer Vorfahren mit dem Anbau alter Obst- oder Weinsorten versuchen oder mit einer Straußenzucht auf dem Peloponnes. Und wenn sie nach dem Pilzesammeln „das Glück, auf dem Lande zu leben“ preisen oder auf die gute Ernte anstoßen, spricht nicht der idyllische Ureinwohner, sondern oft eine selige Melancholie, mit der Deutsche und Franzosen offenbar viel anfangen können. (…)

Das Ende dieser erzählten Miniaturen ist stets das gemeinsame Mahl mit Familie und Nachbarn, vom ewigen Jurastudenten bis zur zahnlosen Ur-Oma. Es ist ein besonders edler Zug der Reihe, dass diese anekdotisch zusammengeführten Mahlgemeinschaften sichtlich durch die Sendung gestiftet und in der Realität eher die Ausnahme sind. So wird die (filmische) Arbeit am Essen tatsächlich zum sozialen Medium schlechthin.
Die Welt, 19.10.2006

Der Jahresrekord des 20.15-Uhr-Sendeplatzes gelang der Doku-Serie „Zu Tisch in …“.
Sie erzielte einen durchschnittlichen MA von 0,87 % und wurde von 231 000 Zuschauern
gesehen.
ZDF/arte, 08/2005

37 Grad: Mein Kind ist doch nicht dumm

ZDF 26.09.2006

Sandy, 25, bezahlt nur mit großen Scheinen. Zu peinlich wäre es, sich beim Heraussuchendes Kleingelds zu verrechnen. Erst vor kurzem wurde ihre Dyskalkulie entdeckt, eine Rechenschwäche, die ihr vieles im Leben verbaut hat. In einer Therapie gewinnt sie ihr Selbstvertrauen zurück. Dyskalkulie ist, im Unterschied zu Legasthenie, als Lernschwäche noch nicht überall in Deutschland anerkannt. Drei sympathische Schülerinnen mit Rechen- und Rechtschreibschwäche erzählen in Elke Sasses und Stefan Pannens Dokumentation von Hänselei, stundenlangen Hausaufgaben, zerkauten Nägeln und dem Erfolg von Therapien.

DER SPIEGEL

…Mit Mein Kind ist doch nicht dumm ist Elke Sasse und Stefan Pannen eine einfühlsame Dokumentation gelungen, die sich den Protagonisten mit ruhigem Blick nähert und Nicola, Julia und Sandy sehr ernst nimmt. So werden die drei auch in den Eigenschaften vorgestellt, in denen sie stark sind, werden nicht nur leidend und gebeutelt gezeigt, sondern als normale Menschen, die eben nur eine Sache nicht so gut können wie alle anderen.

FR-ONLINE

Spionagetechnik: Spitzel im Büro

3sat 03.10.2004

„Big Brother ist ein Krimineller“
(…) Michael Grotenhoff und Saskia Kress zeigen in ihrer sehenswerten Dokumentation auf erschreckende Weise, wie einfach ein jeder zum Opfer elektronischer Spitzeltätigkeit werden kann. (…) Der Fachmann staunt, und der Laie wundert sich bei diesem Film. Geistiges Eigentum war vielleicht noch nie so schlecht geschützt, dem materiellen geht es nicht viel besser, wenn man an die Risiken von Online-Banking und Online-Shopping denkt. Manch ein Zuschauer wird sich nach diesem Film zurücksehnen in die Zeiten von mechanischer Schreibmaschine und Kurbeltelefon. Schade, dass so manches Spionageopfer am Samstagabend vor der „Sportschau“ und nicht vor diesem Film sitzen wird.

Neue Osnabrücker Zeitung

Jagd am Yukon

arte 16.11.2004

Aussteigerträume bedient diese Reportage über den deutschen Trapper Frank Müller nicht. Stattdessen erzählt Autor Stefan Pannen mit viel Sinn für rauen Realismus das Leben des Fallenstellers in Alaska. In die Schilderung des – zugegebenermaßen auch romantischen – Einsiedlerdaseins sind Bilder aus der Pelzindustrie hineingeschnitten. So werden die von verträumten Abenteurern gern vergessenen Zusammenhänge offensichtlich: Von der brutalen Drahtfalle im Schnee über die Fellauktionen in Seattle führt der Weg bis auf die europäischen Laufstege.

DER SPIEGEL

Auf den Spuren der Fallensteller.
Den Jungentraum vom Leben in der Wildnis, so wie es James Fenimore Cooper oder Jack London beschrieben haben, hat sich Frank Müller vor mehr als 20 Jahren erfüllt, als er zum Yukon in Alaska zog. Er hat das Fallenstellen erlernt und ist seit acht Jahren Herr über eine eigene „Trapline“ – nur er allein darf hier Fallen aufstellen.
Der Filmemacher Stefan Pannen hat mit seinem Team den Mann besucht, der von Oktober bis März ein riesiges Gebiet bewirtschaftet, das mehr als 500 Kilometer von Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon, entfernt liegt. Im unwegsamen Gelände muß Müller sich Jahr für Jahr mit dem Schneemobil einen festen Trail machen – erst danach kann er seine Fallen aufstellen. Er fängt vor allem Zobel.
Der Film begleitet Müller auch zu einer Pelzauktion in Seattle und verfolgt den weiteren Weg der Pelze über die Veredelungsbetriebe bis hin in das Atelier eines Berliner Kürschners. Außerdem zeigt Pannen einen 87 Jahre alten Indianer der First Nations, für die 70 Prozent aller Traplines reserviert sind und die Luchse, Vielfraße und Wölfe jagen.

HAMBURGER ABENDBLATT

Schulgeschichten

arte 2003/2004

Die „Schulgeschichten“ vermitteln auf unterhaltsame Weise einen Eindruck vom Schulalltag junger Menschen in europäischen Nachbarländern. Die Filme wollen einen Beitrag bei der Suche nach Antwort auf die Frage leisten, für welches Schulsystem sich die Europäer eines Tages entscheiden sollen.

KATHOLISCHE SONNTAGSZEITUNG IM BISTUM AUGSBURG

In Frankreich bekomme ein Schüler keine zweite Chance, bemerkt fatalistisch eine Mutter aus der nordfranzösischen Stadt Caen. Was Filmemacher Holger Preuße vom dortigen Lycée Malherbe, einer Lehranstalt für 2000 Schüler, berichtete, bestätigte den Eindruck vom französischen Bildungssystem als einer elitefixierten, auf Selektion angelegten Institution.
Die Kamera war dabei, als Schüler die niederschmetternde Nachricht erreichte, dass sie das
Klassenziel verfehlt haben – von psychologisch fundiertem Trost war wenig zu spüren. Die Lehrer, so zeigten die angenehm unaufgeregten Filmbilder, sind derzeit in Frankreich stark mit sich selbst beschäftigt: Sie wehren sich gegen Sparmaßnahmen und höhere Arbeitsbelastung.

Die arte-Reihe macht klar:
Die deutschen Pisa-Verlierer sitzen nicht allein auf der Insel der Bildungsfrustrierten.

SPIEGEL

K1 Die Reportage: Hilfe, ich werde Vater

Kabel1, 13.07.2003

Drei hübsch typisierte Beispiele von Mannsbildern arbeiteten die Autoren Stefan Pannen und Peter Podjavorsek heraus: Jörg, der ewig pflichtbewusste Frauenversteher, Stefan, ein Bruder Leichtfuß, der trotz seiner schwangeren Freundin Kette raucht, und David, der zärtliche Spaßvogel. Er, der so oft so cool tut, fängt hemmungslos an zu weinen, als er sein Baby zum ersten Mal erblickt. So sind sie, die Männer: Raue Schale, weicher Keks – das will uns der Film wohl sagen. Er tut das konzentriert, unspektakulär, (…) mit einigen feinen Beobachtungen. Erfreulicherweise verlässt sich der Film auf die Bilder und gerät nicht so geschwätzig wie vergleichbare Dokumentationen, lässt stattdessen die Porträtierten zusammen mit ihren Partnerinnen zu Wort kommen.

RHEINISCHE POST

Mythos auf Abruf – Der Berliner Bahnhof Zoo

SAT1, 10.03.2003

Er ist zu klein, trotz ständiger Aus- und Umbauten teilweise baufällig, und seine Tage als Fernbahnhof sind gezählt: Wenn in einigen Jahren der Lehrter Bahnhof zum Hauptbahnhof Berlins aufsteigt, wird die Station „Zoologischer Garten“ zu einer unter vielen. (…) Bis dahin aber bleibt der „Zoo“ der am stärksten frequentierte Fernbahnhof der Hauptstadt. Täglich passieren ihn durchschnittlich 400 Züge im Nah- und Fernverkehr, 600 Mal halten hier die S-Bahnen, über 150.000 Reisende gehen ein und aus.
Am „Zoo“ bekommt jeder seinen Auftritt. Wie zum Beispiel Frau Buths, adrett gekleidete Reiseberaterin am Ticketschalter, die schon morgens um halb sechs der Kundschaft die Vorteile des neuen Bahntarifs erklärt. Oder Rentner Achim, der regelmäßig mit seiner Handkarre über den Bahnhof zieht, um Obdachlose mit selbstgestrickten Socken und Kaffee zu beglücken. Oder Herr Babelscheck, Reisebegleiter im Nachtzug Berlin – Paris, der gern mit besonders netten Gästen Adressen austauscht.
Die SPIEGEL TV-Reporter Adama Ulrich und Michael Grotenhoff haben sich auf die Suche nach dem Mythos eines legendären Bahnhofs gemacht.

TV-TODAY

Der beste Knoblauch unter der Sonne

arte, 16.01.2002

Die Dokumentarfilmerin Elke Sasse (…) verzichtet dankenswerterweise auf nahe liegendes Kochbuch-Blabla oder läppische Vampirscherze. Schlicht, aber effizient zeichnet sie den Weg der Knolle nach – von der Ernte über das Stapeln, Trocknen und Zerteilen bis zur Bearbeitung als Heilpräparat und zum Verladen in Schiffscontainer Richtung Hamburg. So entsteht eine kleine Lehrstunde über den Wert der Handarbeit in Zeiten der Globalisierung, die auch Exkurse in die chinesische Mythologie oder Medizin nicht scheut.

DER SPIEGEL

Knast vor dem Kollaps

WDR, 16.07.2001

In dem halbstündigen Dokumentarfilm >Knast vor dem Kollaps< über die JVA Tegel zeigen Michael Grotenhoff und Stefan Pannen eine schlechterdings nicht mehr kontrollierbare Institution, in welcher sich Wachpersonal und Häftlinge gleichermassen entmachtet fühlen. (…)
Grotenhoff und Pannen halten sich mit ihren Bildern ganz an den schäbigen Anstaltsalltag, auch die (…) Tonspur transportiert neben den (…) Äusserungen der Gesprächspartner vor allem eine stets nervöse und schonungslose Atmosphäre. (…) Die Schlußszene greift einen Topos der Filmgeschichte auf: die Entlassung eines Insassen, die in einer lakonischen Großeinstellung von aussen auf das Gefängnistor gezeigt wird. Statt einer feierlichen Rückkehr in die Gesellschaft sieht man nun einfach einen Gang von drinnen nach draussen. Mehr nicht.

FAZ

Ganz normal verrückt? – Wege aus der Psychiatrie

3sat, 21.10.2000

Dass Verrückte die Realität ver-rückt, verschoben, einfach anders wahrnehmen, darum ging es in dem Dokumentarfilm von Elke Sasse. Die Filmemacherin hat nicht nur „Fälle“ bzw. Menschen, die Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht haben, porträtiert. Sondern vor allem versucht, ihre besondere Art der Wahrnehmung darzustellen.
(…) Sasse versucht überzeugend, Janas Eindrücke mit Hilfe von Kameratricks, formal ungewöhnlichen Bildideen und Effekten sichtbar zu machen. Im Film erfährt man viel über die Isolation, in der sich die Betroffenen befinden, über die Scham, mit der sie ihr Verhalten „wie von außen“ betrachten, und die Hilflosigkeit, die sie empfinden, wenn sie sich den Ärzten mit ihren Medikamenten ausgeliefert fühlen. Aber Sasse beschreibt vor allem auch alternative und integrative Psychiatrie-Ansätze.

taz

Menüs, Models und Matratzen – Ein Wochenende im größten Hotel Deutschlands

ARD-Exklusiv, 26.05.2000

… die Szenen und Bilder erzählen (…) von ewiger Hast und künstlicher Fröhlichkeit. Von der traurigen Riesenarmee der Kellnerinnen und Kellner zum Beispiel, die ein grotesk strammer türkischer Oberkellnerkommandeur (…) schreiend zu Schnelligkeit und guter Laune antreibt.
Von furchterregenden Kühlräumen, wo Männer in Thermoanzügen ganze Salatgebirge herstellen. Von endlosen „Bratstraßen“, auf denen 1800 Stück Fleisch heute vorgebraten und morgen mit Hilfe eines Wasserdampfgerätes fachkundig „regeneriert“ werden, igitt.
Von bierseligen Showstars am Rande der Erschöpfung und der fröhlichen Debilität. Von einer Zimmerfrau, die auf die notorisch geizigen Hotelgäste schimpft.

Der Gigant von Neukölln, aus der Nähe und von innen betrachtet, erweist sich also recht bald als Nervenbündel – das hat er mit anderen Riesen auf dieser Welt gemein.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Unter Deutschen Dächern: Die Platte wird plattgemacht. Mit dem Abrisskommando in Schwedt an der Oder

ARD, 02.02.2000

Die ARD-Reihe „Unter Deutschen Dächern“ wurde mehr als sonst ihrem Titel gerecht und widmete sich einem Sinnbild (ost)deutscher Historie: Dem Plattenbau. (…)
Die beiden Autoren Kristian Kähler und Stefan Pannen verzichteten weitgehend auf Kommentare und ließen Bilder und Menschen für sich sprechen. (…) Ein informativer Beitrag der Radio-Bremen-Reihe, der einfühlsam die Probleme der Menschen in Brandenburg deutlich machte.

MITTELDEUTSCHE ZEITUNG

24 Stunden: Reichsstraße 1

SAT 1, 24 Stunden, 05.10.1997

Außer dem Manko der späten Sendezeit gibt es nichts zu mäkeln, sondern nur zu loben. Der Zuschauer wird nur mit den notwendigen Fakten bedacht, die außerdem gut in den Kontext eingearbeitet sind (…) Die Menschen rechts und links der Straße interessierten Pannens Team (darunter Kameramann Christian Sievers mit einem Blick für Gesichter und Situationen) vor allem.

RHEINISCHE POST

Die Polen vom Bau

arte, 12.08.1997

Die Reportage von Christoph Gaj und Stefan Pannen sammelt Pluspunkt um Pluspunkt. Die Autoren versagen sich, Schwerstarbeit und Lohndrückerei mit wohlfeiler Kritik zu überziehen. Sie leuchten eine Situation aus, in der es manche soziale Errungenschaft schlicht nicht gibt. Jedes vorschnelle Urteil wird nach der Sendung schwieriger.

DER TAGESSPIEGEL

Der Rotlichtprinz

ARD-Exclusiv, 08.11.1997

Der Rotlichtprinz (…) zeigt gerade mal 45 Sekunden nacktes Fleisch; wer Sensationen will, muss weiterzappen. Voyeurismus ist bei diesem angenehm unspektakulären ORB-Porträt über Jacob und seinen „Stutti“ nicht angesagt. Mit Jacob kommt ein Insider zu Wort, der nicht bereit ist, die mediale Mafia-Panik zu teilen. Und die beiden Filmemacher lassen ihn reden und ausreden.

taz