Am 17.03. kommt „Kein Zickenfox“, der Dokumentarfilm über das Frauenblasorchester Berlin (FBOB), ins Kino. SIEGESSÄULE-Autorin Uta Zorn sprach mit den Filmemacherinnen Dagmar Jäger und Kerstin Polte
16.03. – „Kein Zickenfox“ ist ein Dokumentarfilm über das Frauenblasorchester Berlin (FBOB). Kamerafrau Dagmar Jäger stolperte quasi über das Orchester im Humboldthain bei der Fête de la Musique, und Regisseurin Kerstin Polte sagte sofort „ja, lass uns drehen“, als sie bei einer Probe zu Gast war. SIEGESSÄULE-Autorin Uta Zorn traf die Filmemacherinnen auf der Berlinale und sprach mit ihnen über die Dreharbeiten und den Kinostart am 17. März
Wie war euer „erstes Mal“ mit dem Orchester und was hat euch besonders angezogen?
Dagmar: Die Frauen. Ich habe diese Musik gehört und hab gesagt, da muss ich hin. Was ist das denn, das hört sich so schön an und so energievoll. Dann stand ich da in diesem traumhaften Licht, nur Frauen und die Musik dazu und dachte gleich, dazu muss man einen Film machen. Eine Flötistin im roten Kleid mit schwarzen Punkten, so ganz leicht und dann Steph, die Tubistin, mit ihrer Zimmermannshose – was für ein Potpourri!
Kerstin: Ich hatte nur davon gehört und da ich ja nun mal Frauen generell sehr anziehend im Leben finde und dann erst 66 (lacht) – das musste ich sehen. Ich habe dann in dieser Probe gestanden, es war ein Gewusel, ein unglaubliches Chaos und ich habe wirklich gedacht, wie soll man daraus einen Film machen? Es ist total geil, es berührt mich zutiefst, sofort, aber wo kann hier eine Struktur rein? Als Filmemacherin denkt man sofort, das muss auch alles einen Anfang und ein Ende haben, und eine Mitte – Struktur, Dramaturgie.
Hattet ihr ein Drehbuch?
Dagmar: Kerstin hat in der Regel Drehbücher, die man dann irgendwo in die Ecke schmeißt. Und dann kommt sie mit Zetteln an. Da steht bis auf den letzten Zipfel irgendwo was geschrieben, das ist dann ungefähr das Drehbuch. „Heute machen wir das“, und meistens habe ich dann gesagt: „Okay, dann stell ich die Kamera heute dahin.“ Mit anderen Worten, es gab kein Drehbuch. Aber die große Idee war schon da, wir wollten die Frauen erzählen lassen.
Wie habt ihr es geschafft, 160 Stunden nach über drei Jahren Dreh auf 70 Minuten zu schneiden?
Kerstin: Ich bin ja auch gelernte Cutterin, und genauso wie beim Drehen lass ich mich immer davon leiten, was berührt mich und was berührt mich nicht. Also erst mal gucken, was ist überhaupt stark, was ist da an Szenen, an Momenten. Klar, und danach muss man natürlich was aufschreiben, da entsteht das Drehbuch dann. Wir wollten immer einen Film machen, wo man nachher rausgeht und sagt, jetzt hätte ich noch gern 10 Minuten und jetzt muss ich den noch mal angucken, weil – da vorne das interessiert mich.
Ihr habt die Frauen mehrere Jahre begleitet, wir groß war euer Budget?
Dagmar: Wir hatten genau Nullkommanull – eigentlich hatten wir Schulden.
Ihr kommt in dem Film den Frauen unheimlich nah. Wie habt ihr das geschafft?
Kerstin: Ein paar Monate nach Drehbeginn sind wir mit auf Tournee gegangen. Ab da war es einfach so, dass wir gar nicht mehr von außen was getan haben, sondern immer ein Teil des Ganzen waren, wir mit den Frauen verschmolzen sind. Wir waren wie Notenständer. Die haben uns gar nicht mehr so richtig wahrgenommen, wir haben halt dazugehört.
Täusche ich mich, oder ist „Kein Zickenfox“ auch eine Hommage an Berlin?
Kerstin: Für mich ist manchmal noch zu wenig Berlin drin. Ehrlich gesagt, diese Frauen, so wie sie da sind, finde ich, gibt’s auch nur hier, und deswegen ist das auch die Stadt, in der ich lebe und in die ich immer wieder gezogen bin.
Dagmar: Ich weiß auch nicht, was du da in Zürich wolltest.
Kerstin: Ich auch nicht. Geld verdienen, hat aber auch nicht geklappt.
Dagmar: Wir lieben Berlin.
Kerstin: … und dieser Film spielt hier, und das ist integraler Herzbestandteil dieses Films.
Es hat einige Zeit gedauert, bis der Film in die Kinos kommt, weil sich die Klärung der Musikrechte hingezogen hat. Wie geht es nach dem Kinostart weiter und klingelt es dann in der Kasse?
Kerstin: Die DVD kommt vier bis acht Wochen nach dem Kinostart. Der rbb zeigt den Film auch noch einmal im Sommer im TV, weil es ein Frühling/Sommerfilm ist. Der macht Spaß in der Zeit. Und wenn es im Kino gut läuft, glaube ich schon, dass der eine oder andere Sender ihn auch noch mal zeigt. Nein, wir kriegen nichts. Die Einnahmen gehen alle an den Verleiher, der hat auch unheimlich viele Kosten und die Kinobetreiber bekommen ja auch etwas. Kino-Dokumentarfilm ist ein absolutes Verlustgeschäft, auch für die Verleiher. Deswegen bin ich auch so froh, dass Darling Berlin und das Entscheider-Gremium einstimmig gesagt haben „diesen Film möchten wir“.
Musikdokus handeln häufig von berühmten Interpreten oder außergewöhnlichen Begabungen. Kein Zickenfox erzählt von einfachen Musikerinnen nebenan. Ein Alleinstellungsmerkmal haben freilich auch sie: Sie spielen im einzigen Frauenblasorchester der Welt.
Einmal in der Woche ist der Probenraum in Berlin-Kreuzberg zum Bersten gefüllt. Den 66 Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 70 ist das einerlei. Was alle verbindet – egal ob Studentin, Polizistin, Diplombibliothekarin, Lebensmittelchemikerin oder Bauingenieurin –, ist die Liebe zur Musik. Und die überträgt sich schnell auf ihr Publikum.
Für ihren Dokumentarfilm Kein Zickenfox haben Kerstin Polte und Dagmar Jäger das Frauenblasorchester Berlin begleitet. Dirigentin Astrid Graf hat es 2003 ins Leben gerufen. Der Andrang war von Anfang an riesig. Die Kamera ist bei den Proben, bei Auftritten in der bayerischen Provinz und in der Berliner Philharmonie dabei. Vor grauem Hintergrund verraten die Musikerinnen Alter, Beruf und Instrument, geben eine kleine Kostprobe ihres Könnens und mit einem Augenzwinkern zu, dass die Diskussionen bei einem reinen Frauenorchester gern mal etwas länger dauern. Im Kern handelt Kein Zickenfox aber von Lebensentwürfen. Und so zeigen Polte und Jäger ein gutes Dutzend Frauen auch im Privaten, wie sie leben und arbeiten, wen sie lieben, was sie denken und fühlen; erzählen von späten Coming-outs, alternativen und ganz gewöhnlichen Werdegängen.
Was auffällt, ist die positive Energie, die vom gemeinsamen Musizieren in den Alltag und wieder zurück strömt. Da ist etwa Irmgard, die noch im Rentenalter mit dem Saxofonspielen begonnen hat, da ihr eigentliches Instrument, das Waldhorn, in ihren Ohren viel zu doof klingt. Ihrem Appell, seinen Zielen zu folgen, solange man noch könne, folgte auch Trompeterin Gisela jederzeit. Von einem Leben nach dem Tod oder von Wiedergeburt will die pensionierte Pfarrerin nichts wissen. Für sie ist jedes Leben so einzigartig, dass es sich einfach nicht lohne, seine Pläne für ein mögliches nächstes aufzuschieben. Und da ist die – mittlerweile verstorbene – Posaunistin Margrit, die nach ihrer Krebserkrankung die Energie des Orchesters vermisst, so schnell wie möglich zurückdrängt und sich selbst mit amputierten Fingern nicht vom Spielen abbringen lässt.
Mit einer knappen Laufzeit von gerade einmal 69 Minuten kratzt Kein Zickenfox freilich nur an der Oberfläche. Dennoch bietet der Film ein Kaleidoskop starker Frauen. Ein Ausflug nach Bayern führt dem Publikum amüsant vor Augen, warum ein emanzipiertes Leben manchmal eben doch besser in Berlin als in der Provinz glückt. Und wenn die Zuschauer in der Berliner Philharmonie zur orchestralen Interpretation von Miriam Makebas Pata Pata auf ihren Sitzen wippen, ist das Kinopublikum schon lange von der Musik, ihren Interpretinnen und von diesem kleinen Feelgood-Dokumentarfilm eingenommen.
(Falk Straub)
Bettina mag ihr Tenorsaxophon, „weil es nicht so ordentlich ist wie die anderen Instrumente“, und sie liebt ihre Frau Maria mit der Bass- klarinette. Sabine an der Trompete wiederum flirtet gern mit Bianca an der Querflöte, und die Piccoloflöten-Spielerin zieht es zur Frau an den Percussions. Auch Horn und Sopransaxophon harmonieren sehr gut, wird berichtet. Im einzigen Frauenblasorchester der Welt ist es egal, ob Lesbe oder heterosexuelle Frau, Lehrerin oder Polizistin: die Liebe zur Musik eint sie alle. Jede Woche treffen sich die 66 Laien- musikerinnen zwischen 19 und 74 Jahren, um gemeinsam zu musizieren.
Im September 2003 nahm alles seinen Anfang, als eine Schülerin von Astrid Graf die Idee hatte, ein Frauenorchester zu gründen. Also wurden Anzeigen geschaltet, um Musikerinnen zu finden, ein Probe- raum gesucht, und schon bald trafen sich die ersten 40 Frauen und starteten das Projekt. Ein halbes Jahr später wurde der Verein Frauen- blasorchester Berlin e.V. gegründet mit dem Zweck, Blasmusik zu pflegen, und Nachwuchs, das Zusammenspiel von Laienmusikerinnen sowie die Präsenz von Frauen in der Musik zu fördern. Im Verein sind inzwischen gut 100 Musikerinnen organisiert, der Mitgliedsbeitrag staffelt sich einkommensabhängig. Mittlerweile gibt es sogar ein zweites Orchester namens „Holz und Blech“, liebevoll auch als erstes Kammerblasorchester Berlins bezeichnet. Natürlich verändert sich die Besetzung des Orchesters immer mal wieder, neue Frauen werden aufgenommen, andere verabschiedet. „Zurzeit gibt es Vakanzen am Blech, also an Trompete, Posaune und Tuba, aber auch eine fort- geschrittene Frau am E-Bass würden wir gern in unseren Reihen begrüßen“, bemerkt Astrid Graf, Dirigentin und musikalische Leiterin des Frauenblasorchester Berlin (FBOB). Geprobt wird einmal wöchentlich und in zusätzlichen Registerproben für Blech und Flöte, also in separaten Stimmproben ohne die komplette Aufstellung. Das Laienorchester finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden sowie den Einnahmen aus Konzerten und CD-Verkäufen.
Musik für Kopf und Herz
L-MAG war zu Gast bei einer Probe – ob sich wohl ein Frauenblas- orchester musikalisch von anderen Blasorchestern unterscheidet? Astrid beantwortet das so: „Wir spielen Filmmusik, Jazz, Latin, Klassik und sinfonische Blasmusik. Um traditionelle Blasmusik wie Märsche und Polkas, also Humtata, machen wir einen Bogen. Oft werden wir gefragt, ob wir als reines Frauenorchester anders klingen als gemischte Orchester. Ich lasse dann unser Publikum für uns sprechen. Und sie finden, unser Klang sei feiner und nuancierter. Unsere Musik spricht Kopf und Herz an!“ Astrid ist diplomierte Klarinettistin, hat bereits in Köln erste Erfahrungen als Dirigentin gesammelt und treibt ihr Berliner Orchester seit dem ersten Tag zu Höchstleistungen. Sie arrangiert Stücke passend für jede Einzelne und kümmert sich um jedes Detail bei Proben und Auftritten. Sie greift aber auch schon mal hart durch, wenn es bei der Probe mal wieder zu laut wird oder jemand an der Stulle knabbert. Ist der Vor- hang geöffnet, steht Astrid im kurzen Jäckchen oder im langen Frack auf dem Podest und taucht in ihr Orchester ein.
„Um traditionelle Blasmusik wie Märsche und Polkas machen wir einen Bogen“
Sie dirigiert, hüpft die Einsätze. Die Orchesterfrauen, bis in die Haar- spitzen konzentriert, werden zu einem klanggewaltigen Ganzen. Jedes Jahr treten sie ungefähr viermal auf und spielen ein Benefiz- konzert. Bereits zweimal waren sie in der Berliner Philharmonie zu bestaunen, und zum 10-jährigen Jubiläum wurde die erste Auftrags- komposition präsentiert, ermöglicht durch Crowdfunding. Die Berliner Komponistin Susanne Stelzenbach schrieb für das Orchester das Stück „Luftspiel“, das 2015 im Sendesaal des Rundfunks Berlin Branden- burg (RBB) uraufgeführt wurde. Das Orchester und seine Dirigentin haben sich in den Jahren weiterentwickelt: „Ich bin mit dem Orchester gewachsen, menschlich und musikalisch. Ich denke, man muss immer Ideen und Träume haben, wo es hingeht und dann nicht aufhören. Und dieses Orchester ist mein Herzblut.“
Vom Konzertsaal auf die Kinoleinwand
Dem besonderen Sound, den diese Frauen ihren Instrumenten ent- locken, konnte sich auch die Kamerafrau Dagmar Jäger nicht ent- ziehen, als sie zufällig vor einigen Jahren dem FBOB begegnete. Angezogen von stimmungsvollem Jazz und der schwungvollen Energie, begleitete sie mit ihrer Filmpartnerin und Regisseurin Kerstin Polte das Orchester über zwei Jahre. Es entstand ein filmisches Orchesterporträt der besonderen Art. Ab 17. März ist dieser nun in mehreren deutschen Städten auch auf der Kinoleinwand zu sehen. Der Film „Kein Zickenfox“, produziert von Claus Wischmann („Kinshasa Symphonie“), ist bereits auf mehreren Festivals gelaufen und hat einige Auszeichnungen erhalten: bei den „Lesbisch Schwulen Filmtagen“ in Hamburg sowie beim internationalen Filmfestival „Pink Apple“ in Zürich den Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm. Und auch in Bremen, Hannover und Freiburg war das Publikum begeistert und belohnte das mit einem Preis.
Treffen sich die Töne von Horn, Trompete, Posaune und Tuba, ist es gewöhnliche Blasmusik. Arrangiert man Saxophone, Flöten, Klarinetten und Schlagzeug dazu und gibt all das 66 Frauen in die Hand, ist das nicht nur das einzige Frauenblasorchester weltweit, sondern ein Klang der ganz besonderen Art.
„Kein Zickenfox“, Dokumentarfilm, Regie: Dagmar Jäger, Kerstin Polte, Kinostart: 17. 3. Previews: 22.2. Cinema Münster, 2.3. Monopol München, 8. 3. Moviemento Berlin, 16. 3. Kinopremiere mit anschließendem Konzert Urania Berlin.
Die Arte-Dokumentation „Überlebenskünstler“ erzählt von Musikern, die sich in einem Zweitjob verdingen, um über die Runden zu kommen.
Sie leben zwei Leben. Den Job brauchen sie fürs Geld, die Musik für ihr Seelenheil. Abends geben sie Konzerte, tags räumen sie den Dreck anderer Leute weg. Der sehenswerte Dokfilm „Überlebenskünstler“ stellt leidenschaftliche Musiker vor, die in Würde ihrer Zweitarbeit nachgehen.
Roman Krasnovsky spielt auf Orgeln in London, Paris oder New York. In seiner Heimat Israel sind Organisten nicht gefragt. In den Synagogen gibt es keine Orgeln. Roman arbeitet als Müllmann, steht früh um vier auf. „Ich habe dauernd Schmerzen in den Händen“, sagt er. „Während der Arbeit denke ich an Musik, nicht an den Müll.“ Er tritt bei Hauskonzerten und in Kirchen auf und kann sich nichts Schöneres denken.
Melina Paschalidou studierte in Griechenland Gesang, lebt seit zwei Jahren in Berlin, nimmt privaten Unterricht und möchte Opernsängerin werden. Für diesen Traum arbeitet sie vierzig Stunden in der Woche als Hausmädchen, putzt Wohnungen, säubert Toiletten. „Diese Arbeit ist wirklich nicht die beste, aber so ist das Leben.“ Bei einer Agentur bewirbt sie sich mit der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“. Die Sopranistin setzt sich eine Frist; wenn sich bis dahin ihr Traum nicht erfüllt, kehrt sie zu Mann und Familie nach Griechenland zurück.
Andrej Kulischko ist Oboist der Staatlichen Philharmonie in Kiew. Von der Gage können er und seine Familie nicht leben. Er betreibt nebenher eine Autowerkstatt, arbeitet täglich bis zu 16 Stunden. „Durch den Krieg in der Ostukraine ist alles teurer geworden“, sagt er. Aber ins Ausland geht er nicht. Die Musik schenkt ihm Zuversicht und Kraft. „Das Leben meiner Kinder will ich in einem wolkenlosen Himmel sehen, ohne Krieg.“
Ein Pendeln zwischen OP und Konzertsaal führt der Bonner Arzt Ulrich Kolk. Regelmäßig tritt er mit dem Kontrabass in Amateur- und Berufsorchestern auf. Der Herzspezialist kann von seinem Gehalt leben, doch ohne das Spiel auf dem Instrument kann er sich das Dasein nicht vorstellen: „Musik räumt die Seele auf.“
szonline.de, 20.02.2016
„Lebenskünstler“, der neue Fim des Witteners Claus Wischmann, läuft am 21. 2. auf Arte. Er zeigt Musiker, die nebenbei von Zweitjobs leben müssen.
Krasser könnten die Gegensätze kaum sein: Die virtuosen Töne einer Orgel am Abend und das fiese Knirschen einer Müllpresse am Morgen. Die liebliche Stimme einer Opernsängerin und das Rauschen einer Wasserspülung an der frisch geputzten Toilette. Oder die tief-zarten Klänge einer Oboe auf der Bühne und das Kreischen eines Schleifeisens in der Werkstatt.
Der aus Witten stammende Regisseur Claus Wischmann hat sich mit Menschen beschäftigt, deren Leben von solchen Gegensätzen geprägt ist. Am morgigen Sonntag (21. 2.) läuft um 23.45 Uhr „Überlebenskünstler“ auf Arte.
„In dieser Geschichte geht es um professionelle klassische Musiker, die mit großer Leidenschaft und Können ihrer Kunst nachgehen und die dennoch nebenher arbeiten müssen“, beschreibt Wischmann seinen Film. Gemeinsam mit einem Co-Autor begleitete der 49-Jährige Wahlberliner Musiker, die abends umjubelt auf der Bühne stehen und tagsüber als Hausdame Hotelzimmer putzen, als Automechaniker schrauben und als Müllmann Tonnen leeren. „Meine Befürchtung vorab war, dass der Film ziemlich traurig werden könnte“, verrät Wischmann. „Aber letztendlich hat er doch eine sehr positive Stimmung bekommen. Die Künstler sind eigentlich recht zufrieden und im Reinen mit der Lösung, die sie gefunden haben.“
Regisseur Wischmann lebt heute in Berlin und hat über 40 Filme gedreht
Bis zu seinem 19. Lebensjahr lebte Claus Wischmann in Herbede. An der Hardenstein-Schule hat er sein Abitur gemacht. Nach verschiedenen Zwischenstationen entschied er sich Ende der 90er Jahre für die Hauptstadt. Dort gründete der Wittener 2007 mit einigen Partner die Produktionsfirmen „Sounding Images“ und „Fernsehbüro“. Inzwischen kann Wischmann als Autor und Regisseur auf über 40 Dokumentationen, Reportagen, Konzertaufzeichnungen und Porträts zurückblicken, die vor allem auf Arte, im ZDF aber auch im Kino liefen.
Auch Claus Wischmann selbst hat eine besondere Beziehung zur Musik und kann sich daher in die Akteure einfühlen: Bevor er den Weg als Medienschaffender einschlug, arbeitete er einige Jahre als Profi-Pianist. „Ich weiß, was das bedeutet“, sagt er. „Üben, üben, üben. Jeden Tag viele Stunden. Da hätte ich gar keinen anderen Job machen können.“ Irgendwann brach er mit dem praktizierenden Musikertum. So wie viele in Deutschland lebende Berufsmusiker: „In Deutschland macht man es voll und ganz – und wenn es finanziell nicht mehr geht, hört man ganz damit auf“, sagt er. Doppelgleisigkeit sei eher heikel für die Karriere.
Claus Wischmann ist noch oft in Witten, weil hier seine besten Freunde leben
Deswegen sei es sehr schwierig gewesen, hier Musiker zu dem Thema zu finden. Also spielt der Film jetzt in der Ukraine, in Israel aber auch in Deutschland. Er begleitet zum Beispiel die Sopranistin Melina Paschalidou, die nach ihrer Gesangsausbildung in Griechenland nach Berlin kam, um an ihrer Karriere zu feilen. Bis sich ihr Traum von einem festen Engagement erfüllt, muss sie ihrem Konto Geld, das sie als Zimmermädchen verdient, zufüttern.
Auch wenn Claus Wischmann für seine Filme in der Welt zu Hause ist, kehrt er regelmäßig nach Witten zurück. „Ich bin gerne da, meine besten Freunde leben nach wie vor an der Ruhr“, sagt er. „Das ist einfach Heimat und die Menschen sind mir vertraut.“
WAZ.de, 19.02.2016
Das Drastische sind nicht einmal die Aufnahmen von den Bombeneinschlägen, die Feuerwalzen und Rauchsäulen, an so etwas hat man sich ja durch die Fernsehnachrichten schon fast gewöhnt.
Das Drastische sind die Aufnahmen aus dem Alltag im Vorkriegs-Damaskus: Geburtstagsfeiern mit Torte und Kerzen, junge Männer mit Pferdeschwänzen und E-Gitarren auf der Bühne eines Hardrock-Konzerts, Menschen, deren Leben sich kaum von dem in Mitteleuropa unterschied, und die der Krieg nun nach Mitteleuropa vertreibt.
Ende Dezember ging es los, sechs Wochen später war der Film fertig
Die Aufnahmen sind Teil einer 90-minütigen Dokumentation mit Geschichten von Flüchtlingen, die es nach Deutschland geschafft haben, produziert vom WDR in Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle und der Firma Berlin Producers.
Bitte nicht schon wieder Flüchtlingsschicksale, mag man zunächst denken, sind die Medien doch seit Monaten randvoll mit ähnlichen Geschichten. Aber diese sind anders, sie basieren auf Fotos und Handy-Videos, die Syrer, Afghanen und Eritreer mitgebracht haben: verwackelte Filme, unscharfe Bilder, schwarze Nachtaufnahmen, die nur akustisch zu deuten sind.
#My Escape – Meine Flucht liegt eine, buchstäblich, naheliegende Idee zugrunde. „Wir sind in Flüchtlingsheime gegangen und haben die Menschen dort gefragt, ob sie Videomaterial zu ihrer Flucht haben“, erzählt WDR-Redakteurin Jutta Krug. „Die Flüchtlinge waren sofort dabei und zeigten uns ihre Handyfilme.“
Material hätten sie mehr als genug gehabt, „das Problem war eher, eine Dramaturgie hinzukriegen“. Es sollte kein Sammelsurium herauskommen, also beschränkte man sich auf wenige Schicksale, aber mit „großem erzählerischen Bogen“. Schnell sollte es gehen, denn „wer weiß, wie lange solche Aufnahmen aufgehoben werden“. Ende Dezember ging’s los, nun, sechs Wochen später, ist die Doku bereits fertig, „mit heißer Nadel gestrickt“, so Krug, aber vielleicht genau deshalb sehenswert.
Humor trotz harten Fluchtalltags
Es sind Aufnahmen, die den Fluchtalltag in all seiner schlichten, harten Realität zeigen, die, weil sie nichts dramatisieren, umso mehr wirken. Heimlich gefilmte Schleuser in Izmir, die seelenruhig und mit kaufmännischer Akribie einen Dollarstapel nach dem anderen durch ihre Zählmaschinen jagen. Geld, das die Familien der Flüchtlinge über Monate, manchmal über Jahre zusammengekratzt haben.
Aufnahmen aus Transportern mit eingepferchten Menschen, die sich an den Deckenverschalungen festkrallen, Szenen aus überfüllten Schlauchbooten. Man muss diese Menschen bewundern: für ihren Mut, auch unter Lebensgefahr zu filmen, aber auch dafür, selbst in prekären Situationen ihren Humor zu bewahren: „Schaut mal, selbst die Kuh ist gekommen, um uns zu begrüßen“, ruft einer in sein Handy, als er eine Weide in Mazedonien passiert. Und ein anderer meint nach der Ankunft in Passau: „Leute, lauft nicht auf der Hauptstraße! Benehmt euch wie die Deutschen!“
Es gibt ähnliche Ideen für andere Perspektiven, Refugee TV etwa, ein Webprojekt, das drei Salzburger Filmemacher 2015 starteten: Flüchtlinge erkunden mit der Kamera den deutschen und österreichischen Alltag, gehen auf Weihnachtsmärkte, befragen Passanten. So etwas verändert Sichtweisen. „Wir wussten nicht, wohin der Zug fährt“, erzählt ein junger Syrer in #My Escape. „Dann sagte jemand: Willkommen in Österreich. Auf Arabisch! Das war der schönste Moment auf der ganzen Reise. Nirgendwo zuvor hatte jemand Willkommen gesagt.“
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 05.02.2016